16.09.2014

Schriesheim-Ursenbach: Gemeinde will Gottesdienste ganz einstellen

Ursenbachs evangelische Christen begehren auf gegen Pläne, die Gottesdienste im Dorf aus Kostengründen einzustellen.

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim-Ursenbach. "Offiziell" war sie nicht, durchgesickert war sie trotzdem: die Information, dass in Ursenbach bald keine Gottesdienste mehr stattfinden sollen. Mit dem Wunsch "Die Kirche bleibt im Dorf" beendete Pfarrer Hans Behrendt gestern den gut besuchten Gottesdienst, Organistin Christine Rothe ließ ihn mit der Bachkantate "Jesus bleibet meine Freude" stimmungs- und für Ursenbach hoffnungsvoll ausklingen.

Familiär ging es zu, solange der Pfarrer im Ruhestand am Altar stand, doch die Stimmung schlug um, als Amtsinhaber Michael Batzoni zur anschließenden Gemeindeversammlung eintraf. "Ich wusste, was auf mich zukommt", bekannte der Geistliche, der die seit Juli fusionierten evangelischen Gemeinden Heiligkreuz (zu der Ursenbach gehört) und Oberflockenbach leitet. Die Stimmung war angespannt. Es wurde immer wieder laut, zweimal drohte Batzoni damit, die Versammlung zu schließen: Es war auch nicht gerade die frohe Botschaft, die er brachte. Die Gemeinde sei "praktisch insolvent", Sparmaßnamen würden dringend notwendig. Im Februar sei deshalb im Kirchengemeinderat Heiligkreuz beschlossen worden, die Gottesdienste in Ursenbach ab 2015 einzustellen, auch wegen der hohen Heizkosten im Winter. Er schlug vor, stattdessen einen Fahrdienst nach Heiligkreuz anzubieten. In Oberflockenbach, fuhr Batzoni fort, sei der Putzfrau gekündigt worden, seine Frau übernehme das Putzen seither gratis.

"Es geht um Ursenbach, nicht um Oberflockenbach, ich will nicht Sie hören, ich will Pfarrer Behrendt hören", rief ein Mann unter dem Applaus der Anwesenden. Die Kirchenältesten Ulrike Seyrich und Kurt Rückert versuchten die erhitzten Gemüter mit Verweis auf die Haushaltslage zu beruhigen, auf gestiegene Strom- und Heizkosten, denen gesunkene Einnahmen und Mitgliederzahlen gegenüber stünden. "Die Kirche ist schlecht beraten, wenn sie Gottesdienste einstellt", konterte Monika Oelrich-Wähling: "Dadurch gewinnt sie auch nicht mehr Mitglieder." Ortschaftsrat Rolf Pranner schilderte die engagierte Mitarbeit der Ursenbacher bei den Gottesdiensten: "Es ist etwas Besonderes, das hier passiert."

Traudel Edelmann berichtete von ihrer Kündigung ohne Angabe von Gründen, nachdem sie und ihre Schwägerin Ortsvorsteherin Rosi Edelmann zuvor 18 Jahre lang Küsterinnen waren. An der Kollekte könne es nicht liegen, von 2010 bis 2014 seien 5653 Euro eingesammelt worden, pro Jahr um die 1400 Euro, Blumenschmuck sei nie berechnet worden.

Gleichwohl legte Batzoni ihnen angesichts der Finanzlage nahe, künftig ohne Bezahlung weiter zu arbeiten und versuchte anschließend über die Einteilung der Küster-Dienste abstimmen zu lassen. Das wollten wiederum die Ursenbacher nicht. "Ich fühle mich regelrecht überfahren", klagte Ulrike Sommer. Bereits im Februar seien die Pläne besprochen worden: "Warum hat man uns nicht früher informiert?"

Ein Mann beklagte "schlechten Stil", das Wort vom "Anhängsel Ursenbach" machte die Runde, das bei einer Heiligkreuzer Versammlung fiel. Ursenbach solle sich künftig Schriesheim anschließen, forderten einige Anwesende. "Da werden zwei Kirchen renoviert, ist da die Gemeinde auch insolvent", fragte Fritz Rudolph.

Die Ortsvorsteherin fragte Batzoni: "Warum ist die Kirchengemeinde wegen der Heizkosten nie auf die Kommune zugegangen?" Immerhin wolle die Stadt die Kapelle für 40.000 Euro sanieren, unter anderem eine neue Heizung einbauen. "Ich wäre froh gewesen, früher davon zu erfahren", entgegnete der Pfarrer, was mit lautem Hohngelächter quittiert wurde. Die Lösung des Heizkosten-Problems kam schließlich von Rosi Edelmann. Sie habe mit Bürgermeister Hansjörg Höfer darüber gesprochen. Dieser habe zugesagt, dass die Gottesdienste in den Wintermonaten im Dorfgemeinschaftshaus stattfinden könnten - für die Kirche kostenlos. Es war eine Lösung, die mit sichtlichem Aufatmen angenommen wurde, ebenso wie der Beschluss, Edelmann und Pranner zur nächsten Kirchengemeinderatssitzung einzuladen, auf der das weitere Vorgehen besprochen werden soll.

Egal, was dort beschlossen wird: Im nächsten Monat findet wieder ein Gottesdienst in der Kapelle statt. Erntedank - mit Pfarrer Behrendt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung