06.10.2014

"StadtLesen" Schriesheim: Geschichten aus dem alten Peking

Der Freitag stand unter dem Motto Integration - Lesungen auf Walisisch und Mandarin

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Ist das Elbisch? Man hat das Gefühl, dem schönen Aragorn zu lauschen, wie er seine Elbenprinzessin betört. Im unteren Strahlenberger Schulhof geht es allerdings nicht um das Epos "Herr der Ringe". Hier findet gerade eine Lesung auf Walisisch statt im Rahmen des "Integrationslesetags" von "StadtLesen", und für den unbefangenen Zuhörer lassen sich in dem ungewohnten, melodischen Klang tatsächlich Ähnlichkeiten mit der von Tolkien erfundenen Sprache heraushören.

Wann hat man schon mal Gelegenheit, Walisisch zu hören? Einst wurde die keltische Sprache überall in Westeuropa gesprochen, ist verwandt mit Irisch, Schottisch/Gälisch und Bretonisch. Heute sind es noch 600.000 Menschen, die sie beherrschen; einer davon ist Professor Wolfgang Schamoni, der sein Publikum mit dem ungewöhnlichen Vortrag und einer kleinen Einführung zur Sprache und Landeskunde von Wales erfreut. Eigentlich Professor für Japanologie, zeichnet er auch verantwortlich für Übersetzungen aus dem Walisischen, etwa im Werk von Kate Roberts. Von ihr stammen die literarischen Kleinode, die man in seiner Übersetzung hören darf. Zuerst liest Schamoni die melancholische Geschichte "Der Schatz" über das Leben einer Frau in dem armen, streng religiösen und konservativen Landstrich, die in ihren späten Jahren noch eine tiefe Freundschaft erleben darf. Damit es nicht zu traurig wird, setzt er noch einige autobiografische Geschichten drauf, die dem Buch "Der weiße Weg" entnommen sind.

Beides macht Lust, mehr von der Autorin zu lesen, und vielleicht werden die "StadtLesen"-Besucher ja fündig in den großen Büchertürmen, die auf dem Platz stehen und ein breit gefächertes Sortiment an Literatur anbieten.Am Ende hat Schamoni noch eine Zahl: "Die Anzahl der Menschen, die Walisisch sprechen, ist gerade mal ein Tausendstel von denen, die Chinesisch beherrschen."

Das schlägt den Bogen zur fremdsprachigen Lesung des Nachmittags mit Sabine Hieronymus und Shi Qingniao. Die erstere ist Sinologin aus Schriesheim, die letztere stammt aus Schanghai, kam 1991 zum Studieren nach Heidelberg und lebt seither hier. Sie lesen die "Geschichten aus dem alten Peking" von Lin Hayin in beiden Sprachen, Shi auf Mandarin, der Sprache, die nach Englisch die meisten Menschen auf der Welt sprechen. Trotz der Übersetzung gibt die Geschichte nicht alle ihre Rätsel preis: Im verwilderten Garten vor einem Spukhaus macht ein kleines Mädchen Bekanntschaft mit einem Mann, der einen Schatz zu hüten scheint. Am Ende wird er als Dieb verhaftet, allerdings stellt sich auch heraus, dass er für einen kranken Bruder zu sorgen hat. "Wasser und Himmel sind beide blau", sagt die Mutter des Kindes am Schluss: Ebenso verschwimmt bei Lin die Grenze zwischen Gut und Böse.

All das versöhnt die Menschen auf dem Platz mit dem Auftakt des Nachmittags, den sie sich wohl anders vorgestellt hätten. Nämlich mit einer Krimilesung aus "Mannheimer Todesmess". Leider, auch zur Enttäuschung ihrer Fans, kommt Autorin Claudia Schmid nicht, niemand weiß warum.

Erst am folgenden Tag stellt sich heraus, dass es eine Termin-Verwechslung gab, Schmid erscheint, allerdings einen Tag zu spät. Ein Gutes hat die Panne: Ungeplant gibt es nämlich zwei Lesungen. Schmid liest einen Tag später aus ihrem Krimi. Und am ursprünglich geplanten Tag dürfen die Besucher einen Ausschnitt aus Marcus Imbsweilers Krimi "Dreamcity" hören, den "StadtLesen"-Mitarbeiterin Claudia Schweiger vorträgt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung