04.11.2014

Schriesheim feierte zum siebten Mal "Kirche hellwach"

Abend der Schriesheimer Ökumene stand unter dem Motto "Kirche mit Mission" - Sich "einzumischen" lohnt sich für Christen

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Mitmischen, sich einmischen: Das konnte Kirche schon immer. Und das durchaus mit Erfolg, wie "Kirche hellwach" am Freitagabend zeigte. Bereits zum siebten Mal lud Schriesheims Ökumene am Abend des Reformationstages, dem Vorabend zu Allerheiligen, zu Stunden der Reflexion, der Anregung und der Impulse ein. Gesang, Gebet und Heiterkeit begleiteten die Einkehr an vier Stationen ebenfalls. Ihr Motto: "Kirche mit Mission". Wobei "mit Mission" englisch ausgesprochen eben ganz ähnlich klingt wie "mitmischen", der ersten Themenpräzision, die den Gottesdienst zur Eröffnung des Abends prägte.

In der katholischen Kirche führte Pfarrerin Suse Best eindrucksvoll vor Augen, was "Kirche" bewegen kann, wenn sie für andere da ist, wenn Christen mutig sind. Best machte das zunächst an der Synode im Mai 1934 in Wuppertal-Barmen fest, aus der die Barmer Theologische Erklärung hervorging. Diese war zwar mehr "kräftiger Impuls" und wegweisendes christlich-theologisches Glaubenszeugnis als politische Erklärung. Die Thesen entstanden aber in einer "für die Kirche schweren Zeit" und blieben in ihren Aussagen für die evangelische Kirche zu jener Zeit nicht folgenlos - gerade in den Landeskirchen, die von "Deutschen Christen" dominiert wurden.

Auch die Kirche in der ehemaligen DDR und besonders deren Bedeutung für die friedliche Revolution nahm Best in ihre Reflexionen auf - exemplarisch am Beispiel von Christian Führer, dem Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig. Best machte anhand ihrer Beispiele deutlich, dass "mitmischen" nicht ohne Risiko ist, sich aber lohnt: "Denn Gott selbst ist größer und stärker als alle politischen Widerstände".

Musikalisch exzellent begleitet wurde diese Eröffnungsstunde von "Kirche hellwach" durch Hartmut Röger an der Gitarre und Florian Mersi am Cello, die auch ganz persönlich schilderten, was "Mission" bedeuten kann.

Beeindruckende Beispiele, wie sich Christen heute "einmischen", gab die zweite Stunde des Abends vor dem Alten Rathaus. Musikalisch umrahmt durch die Altbläser, schilderten Frieder Menges, Joachim Maier, Inge Weinbrenner, Julian Schwarze und der Ladenburger Ulrich Karran an der frischen Luft ihr Engagement. Menges erinnerte an seine Ausbildung zum Diakon und beschrieb seinen Ansporn, anderen zu helfen. Der gelernte Einzelhandelskaufmann bringt seinen Beruf etwa heute noch ehrenamtlich ein am Stand des "Eine-Welt-Ladens". Er stellte sein Selbstverständnis anhand des zweiten Verses aus dem 15. Kapitel des Römerbriefs dar: Ein Jeder lebe so, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten, zur Besserung. Weinbrenner aus der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde sagte, es sei wichtig, aus seinem Glauben kein Hehl zu machen: "Wir können zu so vielem etwas sagen. Wir haben als Christen Antworten."

Maier schilderte, warum die Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit sein Anliegen ist. Der Katholik nannte drei Gründe dafür: Weil Verfolgung zur Schriesheimer Geschichte gehört und man aus seiner Geschichte nicht aussteigen kann, auch wenn Manche den "kollektiven Verlust der Erinnerung" als Fortschritt bezeichnen würden. Zudem sollten im Dritten Reich alle Juden Opfer sein und damit die Wurzel des Christentums zerstört werden: "Doch ohne Wurzel stirbt der Baum." Schließlich sei die Erinnerung an das Leid der Opfer unlösbar mit dem Glauben verknüpft, werde doch jede Eucharistiefeier ad memoriam passionis gefeiert. Julian Schwarze wiederum reflektierte, was "sich einmischen" eigentlich ist. Man trete für etwas ein in der Überzeugung, Recht zu haben, so der Jurastudent. Das hat aber seine Tücken, wie Schwarze klar vor Augen führte. Was ist Recht, was Unrecht? Was ist, wenn Wahrheit und Lüge zur Grauzone werden? Sich einzumischen, sei trotz aller Unsicherheiten wichtig, sei ein "Vorleben". Schwarze zitierte diesbezüglich auch den Bundespräsidenten: "Wer sich heraushält, wird zum beherrschten Objekt." Karran von der Ladenburger AB-Gemeinde erzählte schließlich, wie er Asylbewerbern Deutschunterricht gab.

Danach zog man weiter ins evangelische Gemeindehaus Ost. Hier warteten Wärme, Wein, "Weinknorzen" und die Tragikomödie "Das Beste kommt zum Schluss" mit Jack Nicholson und Morgan Freeman. Diese spielen zwei höchst unterschiedliche Patienten, die zunächst nur die Diagnose "Tod durch Krebs" teilen. Sie fliehen aus dem Krankenhaus, um gemeinsam noch die Dinge zu erleben, die sie sich zu Lebzeiten wünschen. Mit Chorälen, dem Spiel von Organist Dr. Martin Fitzer und einer "Gute-Nacht-Geschichte" klang der Abend aus. Denn selbst "hellwache" Christen müssen irgendwann mal ins Bett.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung