24.11.2014

Schriesheim: Erinnerungen auch an die dunkelste Epoche

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Mit einem Zeitzeugen historische Fotos anzuschauen kann lehrreicher sein als manche Geschichtsstunde. Ein solcher Zeitzeuge ist der Schriesheimer Georg Döringer, der mit der RNZ einen Rundgang durch die jetzt eröffnete Ausstellung "Heimat im Wandel" im Rathaus unternimmt. Es ist der zweite Teil der Foto-Schau, der sich schwerpunktmäßig mit dem OEG-Gelände und dem Festplatz auseinandersetzt. Es gibt aber auch Aufnahmen der Gaststätten von damals, von geselligen Zusammenkünften und offiziellen Anlässen.

Auffällig ist ein Foto, das in der Form vermutlich nach Kriegsende nicht allzu oft gezeigt worden sein dürfte. In einem Lokal posiert eine große Gruppe Männer unter einer Hakenkreuzfahne; Frisuren und Knickerbocker lassen vermuten, dass die Aufnahme in den frühen Dreißigern entstanden sein muss.

Noch immer stellen solche Fotos einen Tabubruch dar, die Auswahl des Bildes durch die Ausstellungsmacherinnen um Stadtbaumeisterin Astrid Fath ist deshalb ebenso mutig wie überfällig. Für Döringer ist es eine Quelle der Inspiration. Er hat in seinen eigenen Archiven geforscht und ein großformatiges Blatt zutage gefördert, mit dem er die Abgebildeten vergleicht. "Ehrentafel der alten Pg der NSDAP" steht darauf, die 93 Menschen sind verdiente Parteigenossen der ersten Stunde.

Ihre Namen lesen sich noch heute wie ein "Who is who": Zwei Lehrer sind darunter, ein Kaufmann, mehrere Fabrikanten, Handwerker, Ratsschreiber Valentin Morast, ein Zahnarzt, ein Gesangvereins-Vorsitzender, ein Polizist, Ortsbauernführer Wilhelm Gaber, ein späterer Vorstand der Winzergenossenschaft und mehrere Gastwirte.

Auf dem "Rathaus-Bild" sieht man in der vordersten Reihe als zweiten von links NSDAP-Bürgermeister Fritz Urban; ganz oben als vierter von links ist Valentin Morast zu sehen. "Das bräuchten wir auch noch", sagt Bürgermeister Hansjörg Höfer, der zufällig vorbei kommt und einen Blick auf die "Ehrentafel" wirft.

Sie würde zur Ausstellung ebenso beitragen wie die historische Aufnahme aus dem Stadtarchiv, die eine Szene vom Tag der "Machtergreifung" 1933 zeigt. Man sieht Braunhemden vor dem Alten Rathaus, am Rand einen uniformierten Polizisten. Döringer erinnert sich: "Die Nazis haben die Hakenkreuzfahne gehisst, dann kam Ortspolizist Wendelin Horn, hat sie heruntergeholt und wieder die schwarz-rot-goldene Fahne aufgehängt. Dann haben die Nazis die wieder abgehängt. Das ging so den ganzen Tag."

Und dann gab es noch den "Club der Harmlosen", deren Porträt im Obergeschoss Döringer ein Grinsen aufs Gesicht treibt. Eine Gruppe junger Männer posiert da mit Puppen und Teddybären, einer sitzt auf einem "Schoggelgäulsche", wie man die Schaukelpferde nannte. Der Herrenclub wurde nach dem Ersten Weltkrieg gegründet, als alles Militärische und Politische verboten war.

Die Mitglieder hatten ohnehin anderes im Sinne, sie unternahmen Wanderungen und Fahrten in die Umgebung. Wein- oder jedenfalls bierselig musste es zugegangen sein bei den "Harmlosen", das lässt das gewaltige volle Bierglas in der Hand eines Mitglieds vermuten. Doch so harmlos sie auch waren, selbst ihre Vereinigung wurde 1933 verboten.

Gleich neben dem Bürgermeister-Büro im ersten Stock hängt ein Rahmen mit alten Aufnahmen des Gasthauses "Schwarzer Adler". Döringer, aufgewachsen in einer Zeit ohne Turn- und Mehrzweckhallen, verbindet mit dem Lokal die Erinnerung an Sport: "Im Erdgeschoss war die Turnhalle, wo die djk immer trainiert hat." "Deutsche Jugend-Kraft" hieß der sportliche Ableger einer katholischen Jugendorganisation, der er angehörte, bis die Nazis sie verboten (weiterer Bericht folgt).

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung