30.12.2014

Hansjörg Höfer: "Bürger haben sich selbst zum Stadtjubiläum gratuliert"

Schriesheims Bürgermeister zieht Bilanz des Jahres 2014, das neben den Feiern zu "1250 Jahre Schriesheim" auch wichtige kommunalpolitische Themen zu bieten hatte.

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Feiern und arbeiten: Gerade im Jahr des Stadtjubiläums lag beides für Bürgermeister Hansjörg Höfer nahe beieinander. Das wurde auch in seinem Jahresgespräch mit der RNZ deutlich.

Herr Höfer, Stadtjubiläum, Großprojekte, bürgerschaftliches Engagement: Auch dieses Jahr war in Schriesheim viel los. Zunächst ganz grundsätzlich gefragt: Mit welchen Gedanken nähern Sie sich persönlich einem Jahresrückblick an?

Man zieht Bilanz, und das hat gute Tradition. Ich notiere mir Vieles, denn manchmal weiß man aufgrund der Fülle der Dinge schon kaum noch: War das jetzt in diesem oder im letzten Jahr? Es ist ein Geschenk meiner Generation, dass wir gestalten dürfen. Dass wir Geld haben, etwas zu entwickeln, wobei es natürlich immer mehr sein dürfte. Noch wichtiger ist, dass wir in Frieden leben dürfen. Das wurde mir erneut bewusst, als wir die Stadtchronik von Archivar Dr. Hecht vorgestellt haben. Generationen vor uns hatten ganz andere Probleme.

Das Stadtjubiläum prägte dieses Jahr. Sind Sie manchmal auch froh, dass es vorbei ist?

Es war für uns alle viel Arbeit und eine oftmals zeitlich grenzwertige Belastung. Aber alles war gut vorbereitet und geplant, also war es kein Stress. Es war einfach schön zu erleben, wie viele Bürger sich ehrenamtlich für das Jubiläum engagiert haben. Damit haben sie Wertschätzung für diese Stadt gezeigt, in der sie gerne leben und mit der sie sich identifizieren. Diese Bürger haben sich daher auch selbst beschenkt und sich zu diesem Jubiläum gratuliert.

Welche Veranstaltung des Jubiläumsprogramms ragt für Sie heraus?

Wir hatten sehr viele gelungene Veranstaltungen. Sicher die größte Außenwirkung hatte der Jubiläumsfestzug anlässlich des Mathaisemarkts. Das war in Vorbereitung und Ausführung eine Höchstleistung aller Beteiligten. Die Rede des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann beim Festbankett war der protokollarische Höhepunkt. Besonders gefreut hat mich auch, wie viele Bürger sich das Jubiläumstheaterstück angesehen haben. Die Zuschauer haben damit ihr Interesse an der Stadtgeschichte bekundet - und das über alle Generationen hinweg. Hervorzuheben ist auch das Engagement in den Ortsteilen. Ursenbach organisierte das historische Seitenwagentreffen, der Sängerchor das Konzert mit der Bundeswehr-Big Band. In Altenbach gab es das große Konzert mit dem Projektchor der katholischen Kirchengemeinde. Wir haben als eine Stadt gemeinsam gefeiert.

Es gab ja Stimmen, dass das Bleibende als Erinnerung an dieses Stadtjubiläum fehle. Ein Gebäude zum Beispiel. Wie sehen Sie das?

Das wird die nächste Generation entscheiden. Beim Jubiläumsauftakt am 1. Januar habe ich ja einen Fehler gemacht, als ich sagte, dass wir 1200 Jahre Schriesheim feiern. So sehr hat sich das Jubiläum im Jahr 1964 in meinen Gedanken und Erinnerungen festgesetzt. Wenn die jungen Schriesheimer in 50 Jahren den gleichen Fehler machen, dann haben wir dieses Jahr alles richtig gemacht.

Dieses Jahr feierte Schriesheim auch das 30-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft mit Uzès - in Südfrankreich sogar am 3. Oktober. Welche Botschaft ging für Sie von den Feierlichkeiten dazu in beiden Städten aus?

Unsere 30-jährige Städtepartnerschaft hat die Menschen unserer Städte nähergebracht. 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges und 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist dies ein weiteres Mosaiksteinchen im Zusammenwachsen unserer beiden Völker. Persönlich freut mich, dass der Schüleraustausch wieder belebt wurde und das es erstmals auf Verwaltungsebene gelungen ist, einen Austausch von Verwaltungsmitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu initiieren.

Politisch herausragend war natürlich die Kommunalwahl, die die Mehrheitsverhältnisse änderte. Die Grünen wurden erstmals stärkste Kraft. Mit der SPD kommen sie nun auf ebenso viele Sitze im Gemeinderat wie CDU, Freie Wähler und FDP. Nämlich jeweils 13. Fünf Stadträte sind neu. Hat sich für Sie die Zusammenarbeit mit dem Gremium dadurch verändert?

Ich war nie ein Freund dieses Lagerdenkens, das absolut schädlich ist für die Entwicklung einer Gemeinde. Die Jugendsozialarbeit ist ein Beispiel dafür. Solange diese gerade mal eine Stimme Mehrheit fand, fehlte die Akzeptanz. Wir haben gelernt, dass wir breite Mehrheiten brauchen, um Akzeptanz zu schaffen. Die Stimmung im Gemeinderat ist sehr gut und sehr kollegial. Es gibt Differenzen in der Sache, aber keine persönlichen Auseinandersetzungen. Wir haben im Gremium eine Kultur der Beteiligung aller.

Viele Kollegen von Ihnen wie Hans Zellner, Heiner Bernhard oder Ralf Göck sitzen im Kreistag. Warum kandidieren Sie eigentlich nie?

Es hat schon Tradition, dass der Schriesheimer Bürgermeister nicht im Kreistag sitzt.

Die hätten sie durchbrechen können.

Nein, für mich stellt sich diese Frage nicht, zumal Schriesheim mit seinen Kreisräten gut vertreten ist. Wir Bürgermeister im Sprengel sind eng vernetzt und tauschen uns aus. Zudem bindet Landrat Stefan Dallinger alle Bürgermeister ein und macht zudem eine sehr gute Öffentlichkeitsarbeit.

Es war auch ein Jahr der Bürgerbeteiligung. Zur Zukunft des Schulzentrums, zum Klimaschutzkonzept oder etwa zum Ideenwettbewerb für den Festplatz gab es Bürgerforen. Doch wie viele der Anregungen, die die Bürger hier gaben, können wirklich in Entscheidungen einfließen?

Wir nehmen die Anregungen aus der Bevölkerung sehr ernst. Ihre Ideen werden auch in den Protokollen dokumentiert. Für den Schulprozess haben wir uns sogar zur Vor- und Nachbereitung einen Moderator geleistet. Das alleine zeigt, wie ernst wir die Bürger nehmen. Die Bürgerbeteiligung hat auch dazu geführt, dass sich neue Gesichter in das kommunalpolitische Geschehen einbringen, die man ansonsten nicht politisch verorten kann. Das ist ein Gewinn für die Entscheidungsfindung, in der die Ideen der Bürger sicher nicht eins zu eins umgesetzt werden können. Aber sie fließen in das Gesamtbild ein, das letztlich zu Beschlüssen führt.

Stichwort Schulzentrum: Vor dem Hintergrund von nötigen Investitionen im hohen zweistelligen Millionenbereich bestehen Chancen zu grundsätzlichen Überlegungen. Braucht Schriesheim hier auch in Zukunft alle jetzt bestehenden Schularten oder könnte sich die Stadt in Absprache mit den Nachbarkommunen auch gezielt spezialisieren?

Für mich ist ganz klar: Alle bisherigen Schularten sollen bleiben, also die Grundschule, die Realschule und das Gymnasium. Die Werkrealschule wird ohnedies auslaufen. Auch rein rechnerisch würde eine Spezialisierung keinen Sinn ergeben. Wenn alle Realschüler nach Schriesheim kämen und dafür alle Gymnasiasten nach Ladenburg gingen, kämen unterm Strich doch die gleichen Schülerzahlen und der gleiche Raumbedarf heraus. Außerdem dürfen wir in der Debatte um die Architektur nicht vergessen, dass für Unterricht, Erfolg und Freude an der Schule zunächst die Lehrer entscheidend sind.

Welchen Zeitplan verfolgen Sie in Bezug auf die Schulsanierung?

Wie Sie wissen, sanieren wir immer! Dieses Jahr den Treppenhausturm Nord im Gymnasium, nächstes Jahr ein weiteres Treppenhaus und das Foyer. Zudem wird die Heizung sukzessive verändert und erneuert.

Ich meinte eigentlich die grundsätzliche Neugestaltung, den großen Wurf.

Da ist die Frage, wie groß der Wurf denn überhaupt werden muss. Denn nicht alles, was groß ist, ist auch gut. Ende 2015 sollte die Richtung klar sein, was saniert und was neu gebaut werden soll und an welcher Stelle.

Sind Sie eigentlich enttäuscht von Eltern, die in der Sanierungsdiskussion sagen: Was kümmert mich das Schulzentrum in zehn Jahren, unsere Kinder gehen jetzt zur Schule?

Manche Eltern haben vielleicht ein eingeschränktes Interesse an der Schulentwicklung in Schriesheim, und es gibt immer die Lautstarken, die ihre Interessen vertreten wollen. Das ist aber nicht die Mehrheit.

Ihren Zeitplan für das Schulzentrum haben Sie skizziert. Es gibt aber weitere kostspielige Projekte, die anstehen: die Festplatzgestaltung, der Kindergartenneubau in der Kurpfalzstraße und die Feuerwehrerweiterung sind Beispiele dafür. Da brauchen Sie eine Prioritätenliste.

(lacht) Für mich haben der neue Kindergarten und der Ausbau der Feuerwehr die gleiche Priorität. Bis Ende 2015 wollen wir die Pläne für beide Projekte haben, 2016 wollen wir bauen. Für den Festplatz wollen wir uns einen Masterplan geben, den wir ja auch brauchen, weil sich durch die Feuerwehr automatisch Veränderungen ergeben werden.

Und wie wollen Sie das alles bezahlen?

Was wir brauchen, ist sicherlich eine weiterhin gute wirtschaftliche Entwicklung so wie in den vergangenen zwei Jahren. Doch ich erinnere an 2008: Das Platzen der Immobilienblase hat damals zu Prognosen geführt, dass wir unsere Gehälter über Kredite bezahlen müssen. So schnell kann's gehen. Daher ist unsere Finanzplanung immer vorsichtig. Sicher müssen wir die großen Maßnahmen über Kredite finanzieren, die die nächste Generation abbezahlen muss. Aber wir werden bleibende Werte schaffen und leisten uns keinen Konsum. Sie können sicher sein, dass wir auch in den kommenden Jahren genehmigungsfähige Haushalte vorlegen werden.

Der Raiffeisenmarkt lockt Kunden an, das Ärztehaus "Medicum" nahm seine Arbeit auf, die AWO auch. Die ersten Bouwfondshäuser sind bezogen, deren zweiter Abschnitt wird jetzt gebaut. Wie bewerten Sie die Entwicklung am OEG-Areal?

Wir werden belohnt für einen langen Weg. Die Gestaltung hier ist kein Fremdkörper, Jung und Alt nehmen die Angebote an. Dass es bislang keinen Vandalismus gab, ist ein äußeres Zeichen dafür.

Und man bekommt sogar, anders als erwartet, einen Parkplatz.

Ja, und wir werden die Stellplätze auch noch ordnen in Bezug auf ganztägiges Parken oder eine Beschränkung auf zwei Stunden.

Mancher stößt sich an den braunen Cortenstahltoren auf dem "Platz Süd", der derzeit gebaut wird. 1,1 Millionen Euro hätte man vor dem Hintergrund anstehender Investitionen besser ausgeben können, so die Kritik. Was sagen Sie dazu?

Wir schaffen hier am OEG-Bahnhof für Gäste und Mitbürger eine Begrüßungssituation. Außerdem gehört zu einem verdichteten Wohnen wie an dieser Stelle auch ein Platz zum Wohlfühlen, auf dem man sitzen und sich treffen kann. Das Geld wird sich auszahlen in der Zufriedenheit der Bürger, die hier in der Umgebung wohnen. Anfang 2015 wird der Platz fertig werden.

Weinheims OB Heiner Bernhard hat Schriesheim geraten, sich nach der Öffnung des Branichtunnels auf den Tourismus zu konzentrieren. Ein guter Rat?

(lächelt) Heiner Bernhard und ich sind immer über die Entwicklung in unseren Städten in der Diskussion. Wir sind verbunden über den Tourismusservice "die bergstrasse". Und überschaut man das Angebot an Gastronomie und Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, das wir in Schriesheim machen, dann bietet sich der Tourismus als großes Gewicht an - daher verfolgen wir diese Art des Stadtmarketings ja auch schon lange. Personell haben wir mit Torsten Filsinger schon seit geraumer Zeit einen Schwerpunkt auf touristische Angebote gelegt. Für eine Stadt von der Größe Schriesheims ist ein Wirtschaftsförderer nicht selbstverständlich.

Neben dem OEG-Areal machen die Plätze vor den evangelischen Kirchen in Schriesheim und Altenbach Freude, beziehungsweise Vorfreude in Sachen Stadtgestaltung. Altenbachs Ortsmitte macht große Schritte, für die Kirchstraße wurden Beschlüsse gefasst für einen offeneren Ort der Begegnung. Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit zwischen politischer Gemeinde und Kirchengemeinden?

Mit den evangelischen und mit den katholischen Gemeinden ist die Zusammenarbeit hervorragend. Auf allen Ebenen. Die Wege sind immer kurz. Daher war es mir auch wichtig, dass das Jubiläumsjahr mit einem ökumenischen Gottesdienst beginnt und beendet wird. Die Kirchen prägen die Kultur unserer Stadt entscheidend mit. Die katholische Kirche und ihr Pfarrzentrum sind schon länger mit großem Erfolg saniert. Die beiden Plätze vor den evangelischen Kirchen werden attraktiv und große Aufwertungen mit sich bringen. Sie sind Zeichen der Öffnung und lebendiger Kirchengemeinden, in denen sich Jung und Alt engagieren. Das Begegnungszentrum in der Kirchstraße wird ein Riesenerfolg werden, davon bin ich überzeugt. Zudem ist die Ökumene in Schriesheim fest verankert. Die evangelische Kirchengemeinde feierte ihre Gottesdienste in der Zeit der Kirchensanierung in der katholischen Kirche. Ich weiß nicht, ob das zu Zeiten meiner Kindheit schon so möglich gewesen wäre.

Für die Themen Inklusion, Integration, Barrierefreiheit und demografischer Wandel hat die Stadt Karin Reichel eingestellt. Mit welchem Ziel?

In den vergangenen Jahren hatte die Kinderbetreuung Priorität. Unser Bestreben ist es, auch für die Bürger ab 20 Jahren bis ins hohe Alter jemanden zu haben, der die Angebote in der Stadt koordiniert. Das kann aber kein Ersatz sein für die Arbeit in den Vereinen wie dem Arbeitskreis Schriesheimer Senioren oder der AWO. Wir verstehen uns hier als Berater und Unterstützer. Die Eigenverantwortung der Bürger für diese Themen bleibt und wird ja auch ausgefüllt. Nicht zu vergessen, dass Frau Reichel auch die Begleitung des Jugendgemeinderats übernommen hat.

Die Hangsanierungen, Infrastrukturprojekte, Personelles wie eine neue Bibliotheksleiterin, erstmals zwei neue Schulsozialarbeiter und der 100. Geburtstag von Ehrenbürger Peter Hartmann, dazu zahlreiche Veranstaltungen auch außerhalb des Jubiläumsjahres: Das Schriesheimer Jahr war wieder so prallvoll, dass man gar nicht auf alles eingehen kann. Ihr Schlusswort zu 2014?

Es war ein sehr gutes Jahr. Aber es hat uns auch gezeigt, wie vergänglich alles ist und wie schnell ein Leben vorbei sein kann. Ich denke an den plötzlichen Tod unseres ehemaligen Jugendgemeinderates Bernd Zipperle und an den tragischen Unfalltod von Peter Becker. Auch hier war unsere Feuerwehr im Einsatz, die 2014 wieder Außerordentliches geleistet hat. Insgesamt waren bei Unfällen zwei weitere Todesopfer zu beklagen - im Steinbruch und kürzlich bei dem Brand in der Talstraße. Da wird man auch nachdenklich.

Werden Sie über die Weihnachtstage hinaus Zeit zum Abschalten haben?

Also, Urlaub habe ich jedenfalls nicht. Ich werde mir die Zeit nehmen, einiges Revue passieren zu lassen und mich auf das kommende Jahr vorzubereiten. Außerdem ist die Zeit zwischen den Jahren und zu Jahresbeginn auch immer eine gute Gelegenheit, mit meinen Mitarbeitern in Ruhe das Gespräch zu suchen. Das ist mir wichtig.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung