09.02.2015

Stolpersteine in Schriesheim: "Ein Geschenk der Bürger an die Gemeinde"

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Auf dem Foto sitzt eine junge Frau in steifer Haltung auf einem Stuhl, an sie geschmiegt steht ein kleiner Junge im Matrosenanzug: Die Aufnahme ist um die 100 Jahre alt und das einzige Bilddokument, das es in Schriesheim noch von der Familie Schlösser gibt. Jette, so hieß die Mutter, lebte mit ihrem Mann Levi und dem kleinen Alfons in der Oberstadt 12. 1933 floh die jüdische Familie vor den Nazis nach Holland, woher Levi Schlösser stammte. Für jedes der drei Familienmitglieder wurde gestern ein Stolperstein ins Altstadtpflaster verlegt. Direkt vor einem Baum und inmitten des historischen Stadtkerns, erhielten die kleinen Gedenksteine einen der malerischsten Plätze in der Weinstadt.

Künstler Gunter Demnig übernahm das Verlegen, Schüler der Kurpfalz-Realschule und der Werkrealschule schilderten die Schicksale der früheren Oberstadt-Bewohner, die von Monika Stärker-Weineck und Professor Joachim Maier recherchiert wurden. Jette und Levi Schlösser kamen im Vernichtungslager Sobibór um, ihr Sohn und seine Familie in Auschwitz.

Bürgermeister Hansjörg Höfer nannte die Verlegung einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte: "Wer keine Geschichte hat, hat meines Erachtens auch keine Zukunft." Er dankte der "Initiative Stolpersteine" für ihr Engagement, auch den Kirchen, deren Vertreter anschließend einen Psalm aus der Bibel vortrugen. Clara Behringer und Anne Meier, zwei Schülerinnen des Kurpfalz-Gymnasiums, spielten auf ihren Klarinetten ein zweistimmiges, getragenes "Siciliano", dann packte Demnig seine Werkzeuge ein und meldete sich selbst zu Wort. Das Verlegen sei keine Routine, betonte der Künstler, es sei immer neu, immer anders, wie die Schicksale der Menschen, über die einige biografische Daten auf den Steinen informieren. Im Januar habe er in Turin den 50 000. Stein verlegt, im Herbst fahre er erstmals zu einer Verlegung nach Griechenland, und eines der kleinen Mahnmale ist auch für einen sowjetischen Soldaten in Kasachstan reserviert. Erinnern sollen sie an die Demütigung, Enteignung und Entrechtung, die die Menschen erdulden mussten.

Die Steine seien "ein Geschenk der Bürger an ihre Gemeinden", betonte Demnig und meinte, dass die Stolpersteine, auch in Schriesheim, durch Spendengelder finanziert werden. Gestern waren es fünf der kleinen Messingtafeln, finanziert wurden sie von Michael Batt, Lilo Beil, Silke Gericke, Detlef Gräser, Wolfgang Gutermann, Bernd Hauk, Heike Lange-Krejsa, Thomas Rakow, Peter Seubert und Dagmar Wenger.
Der nächste Stein erhielt seinen Platz im Gehweg vor dem Haus Kirchstraße 8. Hier lebte der geistig behinderte Valentin Bock, der im Rahmen der Aktion T 4 ein Opfer der "Euthanasie"-Tötungen in der Landesheilanstalt Hadamar bei Limburg wurde. Auch hier wurde über das Leben des 1874 geborenen und 1941 ermordeten Mannes gesprochen.

Ebenfalls in Hadamar endete das Leben von Maria Katharina Fürderer. Sie arbeitete als Schneiderin und Hauswirtschafterin, bevor sie wegen Wahnvorstellungen in verschiedene psychiatrische Kliniken eingewiesen wurde. Auch wenn die Aktion T 4 offiziell seit Herbst 1941 gestoppt war, ließ man die Patienten weiterhin sterben, allerdings an Hunger und durch falsche Medikamente. Kurz vor Kriegsende, am 30. Januar 1945, starb die Schriesheimerin in der Anstalt. Mit dem Niederlegen von Rosen und Steinen endete die Gedenkstunde schließlich vor Maria Fürderers letztem frei gewähltem Wohnort in der Mannheimer Straße 2.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung