02.04.2015

Mit Chili Elefanten und Ernten retten

Mit Chili Elefanten und Ernten rettenEva Gross setzt sich dafür ein, dass Bauern und Wildtiere zusammenleben können - Sie ist Preisträgerin der Fondation Yves Rocher

Von Nicoline Pilz

Schriesheim. Schon im Alter von 14 Jahren war Eva Gross klar, dass sie im Bereich Naturschutz arbeiten wollte. "Ich habe mir dann gezielt einen Studiengang ausgesucht und in Lüneburg Umweltwissenschaften studiert", sagt die heute 39-Jährige. Mit ihrem Engagement für den Umweltschutz hat die Mutter von Zwillingen, die mit Mann und Kindern seit drei Jahren in Schriesheim lebt, jetzt den ersten, mit 10 000 Euro dotierten Preis der Umweltstiftung "Fondation Yves Rocher" gewonnen; die "Trophée des femmes" geht jährlich an engagierte Frauen für ihren außergewöhnlichen Einsatz. Bewerberinnen müssen in Organisationen eingebunden sein und "etwas angestoßen haben". So wie Eva Gross, die bei der 2005 von Renauld Fulconis gegründeten französischen Naturschutzorganisation "Awely" arbeitet. Gross stieß 2007 dazu; inzwischen ist das Headquarter vierköpfig, dazu kommen die hauptamtlichen Mitarbeiter vor Ort.

Die Zielgruppe der Organisation sind in Armut lebende Menschen und bedrohte Wildtiere in Afrika und Asien. Ihnen soll eine Zukunft gegeben und ein Zusammenleben langfristig gesichert werden. Für Awely baute Gross Projekte in Indien, Nepal, Sambia und im Kongo auf, begleitet sie, evaluiert und schult die Helfer. Ungefähr viermal im Jahr reist sie für zwei, drei Wochen in die von ihr betreuten Gebiete, um sich selbst ein Bild zu machen von dem, was erreicht wurde und was noch laufen muss.

Die internationale Dimension ihres Schaffens kommt nicht von ungefähr: "Mein Vater war im diplomatischen Dienst und wir sind viel gereist. Ich bin in Indonesien, in Nepal und im Iran aufgewachsen", sagt Gross. Nach dem Studium fand sie in Frankfurt bei der Zoologischen Gesellschaft ihren ersten Job, wo sie ein Bildungsprojekt initiierte und für jedes Besucheralter konzipierte. Dazu baute sie ein Ehrenamtsprojekt auf. Danach wechselte sie zu Awely nach Orléans in Frankreich; eine Einrichtung, die an der Schnittstelle von Entwicklung und Naturschutz agiert. "Ich arbeite von Zuhause aus. Drei- bis viermal jährlich treffen wir uns in Orléans oder im Zoo von Amnéville." Der Zoo bei Metz ist Hauptgeldgeber von Awely, weitere Förderer sind Firmen, Stiftungen und private Gönner.

Awely legt seinen Fokus auf Grenzregionen zu Nationalparks in Asien und Afrika, wo Menschen unter dem Einfluss von Wildtieren leiden. "Das sind Bauern, deren Felder von Elefanten zerstört werden, deren Vieh von Leoparden gerissen wird oder die wegen Nashörnern um ihr Leben fürchten", erzählt Gross. Dieser "Mensch-Wildtier-Konflikt" produziert auch "eklatante" Bedrohungen für die Wildtiere. Wo die Akzeptanz von Naturschutz sinkt, werden Schlingen und Giftköder ausgelegt.

Oft sind die Anwohner dieser Grenzgebiete von ihrer Regierung umgesiedelt worden, weil aus ihrem angestammten Territorium ein Nationalpark werden sollte. "Und in das, was die Regierung in den Nationalparks verordnet, fühlen sich diese Menschen nicht einbezogen. Von daher sind Aufklärung und Aufeinander zugehen sehr wichtig", sagt Gross, "diese Menschen zu gewinnen, daran hängen wir unsere Projekte auf." Konflikte mit Wildtieren gibt es auch hierzulande, wenn man an Kormoran, Bieber und den Wolf denkt. "Aber hier gibt es Kompensationssysteme. In diesen Ländern nicht. Und die Menschen haben massive und lebensbedrohliche Probleme, wenn sie ihre Ernte verlieren."

Wesentlich sei, anfangs genau hinzuhören und zu verstehen, wie es zu dem Konflikt kam und was von ihm noch übrig ist. "Es geht um verständnisvolle Begleitung, nicht nur um technische Lösungsansätze. Psychologie spielt eine Rolle". Häufig arbeiten die Projektleiter vor Ort mit Frauengruppen zusammen: "Frauen denken oft langfristiger und nachhaltiger. Sie freuen sich über jeden kleinen Gewinn." Anders als ihre Männer, die eher darauf aus seien, große Tiere zu erlegen, seien die Frauen mit Kaninchen- und Hühnerzuchten zufrieden. In diesem Kontext beschreibt Gross ihr erstes Projekt im Kongo, wo Bonobos - auch Zwergschimpansen genannt - hochgradig wegen ihres Fleisches bejagt werden. "Wir arbeiten mit den Menschen zusammen, die die Bonobos bedrohen. Menschen, die von anderen Organisationen als Täter angesehen werden." Das Projekt bietet Alternativen: Umsatteln von der Jagd auf Viehzucht, die Einrichtung von kleinen Unternehmen wie einer Bäckerei und einer Apotheke durch Anschubfinanzierung über Mikrokredite. Eine kongolesische Organisation wurde gegründet, die das Ganze betreut. "Das Projekt verselbstständigt sich jetzt ebenfalls", freut sich Gross. Moralische Verträge binden die ehemaligen Jäger, die Bonobos nicht mehr zu jagen, ihr Fleisch zu verkaufen oder zu verzehren, wenn sie durch das Projekt profitieren.

Zwei weitere Projekte betreffen das Zusammenleben von Menschen und Elefanten in Sambia am Rande des Süd-Luangwa-Nationalparks. Ein wichtiger Lebensraum für rund 4000 Elefanten, die den Bauern aber Probleme auf den Maisfeldern bereiten. "Wir haben Maßnahmen ergriffen und arbeiten mit Chili. Den mögen die Elefanten nicht", sagt Gross. Der Chili lasse sich zudem gut verkaufen, wobei Awely helfe. "Wir geben Absatzgarantien, kaufen den Chili ein und verkaufen ihn weiter in der Hauptstadt. Wir sind aber nur Zwischenhändler und machen dabei keinen Profit", betont die Umweltwissenschaftlerin. Inzwischen gibt es Chili-Zäune rund um Maisfelder oder er wird auf Kuhdung verbrannt. Neu sind mit Chili-Öl gefüllte Tischtennisbälle, mit denen auf Elefanten gezielt wird. Wie die Tiere zu anderen Feldfrüchten stehen, ist in der Erprobung. In der Testphase sind Minze, Zitronengras, Kurkuma oder Ingwer.

In Nepal, im Grenzbereich des Bardia-Nationalparks, ist die Situation dieselbe. Inzwischen hat Awely elefantensichere Getreidespeicher erfunden, die gemauert und zementiert sowie mit sicherem Deckel versehen, den Inhalt bewahren. "Das läuft gut. 70 Stück haben wir bereits gebaut." Insgesamt bedürfe es vieler Bausteine und eines intensiven Monitorings, einer Vielfalt von wechselnden Techniken, um die intelligenten Tiere von den Ernten der Menschen abzubringen. Gleichzeitig sei es schön zu sehen, wie viele Praktiken sich verselbstständigen, bei den Menschen ankommen und sich offene Konflikte beruhigen würden. "Wir bekommen sehr viel positives Feedback aus unseren Projekten", sagt Gross.

Den Erfolg bewertete die Fondation Yves Rocher als preiswürdig: Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung ist zur Unterstützung der Projekte gedacht, zudem ist Eva Gross durch den Gewinn des ersten Preises nominiert für den "Grand Prix international", der am heutigen Donnerstag in Paris verliehen wird.

Info: Weitere Informationen zur Arbeit, über Mitgliedschaften und Spendenmöglichkeiten gibt es im Internet unter www.awely.org.
Bei ihrem ersten Projekt im Kongo setzte sich Eva Gross nicht für Elefanten sondern für Bonobos ein: Die Zwergschimpansen werden wegen ihres Fleisches getötet. Ihr Projekt bietet den Menschen Alternativen an, Geld zu verdienen: Viehzucht statt Jagd, Finanzierung von Bäckereien oder Apotheken. Moralische Verträge binden die ehemaligen Jäger, die Bonobos nicht mehr zu jagen oder ihr Fleisch zu essen. Foto: Awely

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung