23.05.2015

Schriesheimer Gymnasiasten zu Gast in der Schloss-Schule Ilvesheim

Inklusion einmal anders herum: Schriesheimer Gymnasiasten besuchten behinderte Schüler der Schloss-Schule Ilvesheim

Von Sabine Hebbelmann

Ilvesheim/Schriesheim. Anne sitzt neben Lukas im Berufsschultrakt und sieht zu, wie er mit der Maus Farben auf den Bildschirm zaubert. "Willst du weitermalen?", fragt sie ihn, als er innehält, doch Lukas grinst sie nur an. Kaum zu glauben: Die beiden sehen sich zum ersten Mal!

Eigentlich wollten die Schüler der Klasse 9c des Kurpfalz-Gymnasiums Schriesheim beim Sportfest der Schloss-Schule Ilvesheim mithelfen. Während sich ein Großteil der Schloss-Schüler auf dem Sportplatz in Leichtathletikdisziplinen übt, sollten die Gymnasiasten den geistig behinderten Schülern bei der Spaßolympiade auf dem Schulgelände zur Seite stehen.

Doch da das Wetter zu unbeständig war, fiel diese Aktion samt Gummistiefel-Weitwurf kurzfristig aus. Die Gymnasiasten aber waren schon da und so wurde kurzerhand umdisponiert. Die Schriesheimer kamen zunächst in den Genuss einer Schulführung. Und die war interessant, denn die Schloss-Schule ist eine gut ausgestattete staatliche Schule für Blinde und Sehbehinderte mit Internat und den Abteilungen Geistigbehinderte, Förderschule, fünfjährige Grundschule, Werkrealschule/Hauptschule und Realschule.

Jetzt bevölkern die 22 Schüler das Lehrerzimmer und warten darauf, dass sie in Dreiergruppen auf verschiedene Klassen verteilt werden. Katja Ewald, Lehrerin der 9c, ist gar nicht so unglücklich über diese Wendung.

So könnte ihre Klasse die Schule kennenlernen und, wenn sie zum nächsten Sportfest in einem Jahr wiederkämen, sich umso besser einbringen. Jutta Arnold-Huck ist Fachlehrerin für geistig Behinderte und erzählt, wie die Zusammenarbeit entstanden ist. Am Kurpfalz-Gymnasium Schriesheim, wo ihre beiden Söhne zur Schule gingen, gab es vor Jahren Raummangel aufgrund des doppelten Abiturjahrgangs. Da regte die Lehrerin einen Besuch von Schriesheimer Schülern in Ilvesheim an.

Sie sahen einen Film über Sehbehinderungen und versetzten sich mit Augenbinden in die Haut blinder Menschen. Als im Jahr darauf die FSJler an der Schloss-Schule während des Sportfests außer Haus beim Lehrgang waren, sprangen Ewald und ihre Gymnasiasten als Helfer ein. Daraus entstand ein regelmäßiger Kontakt. Die Gymnasiallehrerin berichtet von begeisterten Reaktionen der Schüler, die sehen, wie die behinderten Kinder ihren Möglichkeiten entsprechend in Klassen von maximal sechs Schülern gefördert werden.

Zunächst seien die Gymnasiasten noch eher distanziert gewesen. "Doch wenn die behinderten Schüler mit ihrer offenen und fröhlichen Art auf sie zugehen und die Ilvesheimer Kollegen Hilfestellung geben, sind Unsicherheiten schnell überwunden", freut sich Ewald. Dabei vergäßen manche ihre Rolle als Helfer und es komme zu Begegnungen von Mensch zu Mensch.

"Probier’s mal mit Gemütlichkeit", singt Balu der Bär vom Band und Leon und William schieben Fabian und Paul beim Rollstuhltanz in der Gruppe im Kreis herum. Fabian lacht und wippt mit der Musik vor und zurück. Zusammen mit seinen Klassenkameraden hatte er sich kürzlich mit dem Dschungelbuch beschäftigt.

In einer Klasse sitzen die Gymnasiasten Mattis und Paul an einer Schreibmaschine und üben sich in Brailleschrift. Ankit hilft ihnen. Der 19-Jährige ist ein ehemaliger Schüler des Kurpfalz-Gymnasiums und macht an der Schloss-Schule ein Freiwilliges Soziales Jahr. Um 7 Uhr beginnt sein Tag im Internat, wo er einen geistig behinderten Schüler weckt, ins Bad bringt und später in seine Klasse begleitet. Dann übernimmt er Aufgaben in einer Klasse mit schwer und mehrfach behinderten Schülern. Die Anforderungen sind vielfältig.

"Wir brauchen die FSJler", sagt die Lehrerin, die sich gerade um einen besonders schwer behinderten Schüler kümmert. Akit gehe mit auf Ausflüge und ins Schullandheim. "Teilhabe geht nur, wenn wir personell gut besetzt sind." Trotz der geforderten Inklusion behinderter Schüler an Regelschulen sind die Schülerzahlen an der Schloss-Schule stabil. "Wir erleben, dass sich die Eltern heute sehr bewusst entscheiden", berichtet Lehrer Gunter Bratzel.

Der sonderpädagogische Dienst der Schule unterstütze zudem inklusive Angebote an staatlichen Regelschulen. Doch auch so herum kann Inklusion funktionieren. Anne jedenfalls ist von Lukas fasziniert. "Es ist spannend zu sehen, dass er seinen eigenen Willen hat und den auch äußert", sagt sie und gibt seine Worte wieder: "Ich will jetzt gelb und dann rot..."

Erst waren sie distanziert, dann vollends begeistert: Schriesheimer Gymnasiasten besuchten die Schloss-Schule in Ilvesheim, um behinderte Kinder beim Sportfest zu unterstützen. Foto: RNZ

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung