07.07.2015

Schriesheim: Nach Kritik an Syrern wirbt Unterstützerkreis für Verständnis Ehrenamtlicher Unterstützerkreis

Ehrenamtlicher Unterstützerkreis für Flüchtlinge ermutigt, auf die Flüchtlingsfamilien zuzugehen - Mehr Hilfe durch Kreis und Rathaus gefragt - "Auch die Stadt wird künftig mehr gefordert sein"

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Nach den Äußerungen von Nachbarn der Flüchtlingsunterkunft im Kleinen Mönch 5, die im Gemeinderat von Ruhestörungen am Tag und in der Nacht und sogar von einer Schlägerei berichteten, sah sich der ehrenamtliche Schriesheimer Unterstützerkreis für Flüchtlinge zu einer Reaktion veranlasst. "Das steht jetzt so im Raum und sollte klargestellt werden", sagte Fadime Tuncer, die die Hilfe vor Ort koordiniert: "Denn was da rüberkam, war einseitig und auch falsch." Tuncer und ihr Mitstreiter Friedel Zinn, der im Kleinen Mönch schräg gegenüber der Flüchtlinge wohnt, warben im gestrigen Pressegespräch für mehr Verständnis, eine bessere Kommunikation zwischen den Anwohnern und den 25 Syrern sowie für eine stärkere Unterstützung ihrer ehrenamtlichen Arbeit durch den Rhein-Neckar-Kreis und die Stadtverwaltung.

Sicher würden die Flüchtlingskinder ausgiebig im Garten spielen. Da würde ein "halber Kindergarten" herumtoben. Insofern habe man Verständnis für die Nachbarn: "Für sie ist es ungewohnt". Also müsse man schauen, wie man das erträglicher macht. Die syrischen Eltern würden sich jedenfalls viel Mühe geben. Doch auch sie mussten lernen. Pünktlichkeit etwa, wie Tuncer erzählte. Sie will die Nachbarn dazu ermutigen, auf die Syrer zuzugehen.

Zinn hat das getan: "Seitdem haben wir keine Probleme mehr." Überhaupt seien die Gegner der Flüchtlinge im Kleinen Mönch in der Minderheit, so der Nachbar. Er hat sich inzwischen eine deutsche Übersetzung des Koran gekauft und verwies auch auf den Ramadan in Bezug auf die nächtlichen Ruhestörungen: "Also muss man nicht immer gleich mit der Polizei drohen". Dass die Nachbarn jetzt sogar eine Prügelei erlebt haben wollen, konnte Tuncer so nicht stehen lassen. Ein Kind sei die Treppe heruntergefallen: "Da haben alle geschrien. Aber die Außenwahrnehmung war die, dass sich die Syrer bekriegen. Wäre jemand zu ihnen gegangen, hätte er gesehen, was wirklich los war."

Die beiden Sozialarbeiter des Landratsamts würden zwei Mal in der Woche für einen Nachmittag kommen und sich viel Mühe geben, so Tuncer. Doch reiche diese Präsenz nicht aus. "Und auch die Stadt wird künftig mehr gefordert sein", warb die Grünen-Stadt- und Kreisrätin für eine Koordinierungsstelle der Flüchtlingsarbeit im Rathaus. Zwischen Stadt, Kreis und Ehrenamtlichen müsse ein Dreieck der Hilfe entstehen.

Wie viel der 90-köpfige Unterstützerkreis bereits auf die Beine gestellt hat, zeigt schon ein Blick auf den Wochenplan der Syrer. Die Kinder gehen in Schule und Kindergarten, haben drei Mal die Woche Hausaufgabenbetreuung, dürfen Sportangebote der Schriesheimer Vereine nutzen. Die Erwachsenen haben zwei Mal die Woche Deutschunterricht in der VHS. Es bleibt aber ein Problem, dass sie hier nicht arbeiten dürfen: "Und die würden so gerne", sagte Zinn. In ihrer Heimat seien die Syrer Lehrer, Schlosser, Automechaniker oder "Stahlbetonbauer" gewesen. Jetzt sind sie untätig, "und ihre Verfahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge dauern zu lange", monierte Tuncer. Es fehle eben Personal auf allen Ebenen. Auch beim Kreis: "Dessen Sozialarbeiter sind überfordert, und das Landratsamt hinkt mit dem Personalschlüssel permanent hinterher." Überhaupt vermisst Tuncer beim Kreis ein "Vorausdenken".

Nur schwer voraussagen konnte sie, wie die ehrenamtliche Hilfe aussehen soll, wenn die Carl-Benz-Straße 23 von 50 Flüchtlingen bezogen wird: "Wir müssen erst wissen, wer da kommt. Dann können wir Strukturen schaffen. Wir werden jedenfalls da sein." Das wünschte sich Zinn auch von Bürgermeister Hansjörg Höfer: "Er hat sich noch nicht einmal im Kleinen Mönch 5 blicken lassen, und zu den Treffen unseres Unterstützerkreises ist er auch noch nie gekommen." Am Donnerstag, 12. Juli, um 19.30 Uhr hat Höfer erneut die Chance. Dann treffen sich die Ehrenamtlichen im katholischen Pfarrsaal.

Vielleicht ist dann auch die Flüchtlingsunterkunft ein Thema, die die Familienheim Rhein-Neckar eG laut deren Geschäftsbericht 2014 im Wohngebiet "Fensenbäume" errichten will - wie es scheint für bis zu 60 Personen. "Flüchtlingsunterbringung ist offenbar ein neuer Markt", sagte Tuncer.
Fadime Tuncer und Friedel Zinn (v. l.). Foto: Dorn

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung