21.07.2015

Schriesheimer "Runder Tisch Integration" steht vor Herausforderungen

Grünen-Stadträtin Tuncer fordert ein verstärktes Engagement der Stadt - Umfeld für ehrenamtliche Arbeit ist nicht immer einfach

Schriesheim. (sk/cab) Dass in absehbarer Zeit 50 weitere Asylbewerber in Schriesheim untergebracht werden müssen, wertete Fadime Tuncer als "Herausforderung." Um sie bewältigen zu können, forderte die Grünen-Stadträtin eine Koordinierungsstelle und ein verstärktes Engagement seitens der Stadt, betonte aber auch die Bedeutung ehrenamtlicher Helfer und regte Patenschaften an. Ansonsten ging es beim von ihr initiierten "Runden Tisch Integration" um Hilfen für die bereits anwesenden Flüchtlinge. Bürgermeister-Stellvertreterin Dr. Barbara Schenk-Zitsch bezeichnete das als "gelebte Willkommenskultur", bevor Landtagsabgeordneter Uli Sckerl allgemein ins Flüchtlings-Thema einstieg. "Ich mache keine Parteipolitik, ich bin sozusagen im Namen des Landes Baden-Württemberg hier", betonte der Grüne vor 50 Zuhörern im katholischen Pfarrsaal.

Er schilderte einen Ansturm auf die Erstaufnahmestellen mit 300 bis 500 Neuankömmlingen jede Nacht; drei Monate sollten sie dort bleiben, dann in Gemeinschaftsunterkünfte und, bei erfolgreichem Asylverfahren, in Anschlussunterkünfte kommen. Im Gegensatz dazu wurde bei den 25 Schriesheimer Syrern nach zehn Monaten noch kein Asylverfahren eröffnet.

Herbert Eppel, der als einer von 16 Sozialarbeitern im Rhein-Neckar-Kreis zuständig ist - "vier Sozialarbeiter betreuen derzeit 600 Personen" - erklärte den Grund: Asylverfahren aus Balkanstaaten würden vorrangig bearbeitet. Weil sie weniger Aussicht auf Erfolg haben, könnten die Ankommenden bald heimgeschickt werden. Die syrischen Familien hätten vorerst eine "Duldung" und dürften sogar eine Arbeit suchen. Hier hakte Tuncer ein und nahm den kurz zuvor eingetroffenen Bürgermeister Hansjörg Höfer in die Pflicht: "Können sie nicht auf Ein-Euro-Basis im Bauhof arbeiten? Zuhause haben sie zwölf Stunden am Tag gearbeitet, es gibt für sie nichts Schlimmeres als herumzusitzen." Höfer berief sich auf Komplikationen mit dem Zoll oder wegen Arbeitserlaubnissen, aber Eppel sagte: "Ich brauche von Ihnen nur die Namensliste, alles weitere machen wir."

Problematisch erschien auch die Situation an der Kurpfalz-Grundschule. "Das ist keine leichte Aufgabe, die Kinder sind schwierig, und die Lehrer gehen auf dem Zahnfleisch", berichtete Gabi Kusche, die beim ASS in der Betreuung der Kinder aktiv ist. Sie hielt einen morgendlichen Deutschkurs für sinnvoll, doch Tuncer beklagte die Haltung der Schulleitung, die die Kinder lieber in reguläre Klassen unterbringe als in Vorbereitungsgruppen. CDU-Stadträtin Andrea Diehl zeigte Unverständnis, warum nicht auch an der Strahlenberger Grundschule Flüchtlingskinder unterrichtet werden. Friedel Zinn, der sich als Nachbar von Anfang an um die Syrer kümmert, sah die kürzlich erfolgte Unterbringung in verschiedenen Klassen positiv: "Seither klappt es."

Eine Anwohnerin aus der Panoramastraße beschwerte sich über den Lärm, der von der Unterkunft ausgehe. In der Versammlung stieß sie auf wenig Gegenliebe: Hohngelächter folgte ihren Ausführungen, ein Mann erklärte, dass er jahrelang neben einem Kindergarten gewohnt und dass dort am Wochenende Ruhe geherrscht habe. "Ich habe mir im Gegensatz zu Ihnen keine Wohnung neben einem Kindergarten ausgesucht", konterte die Frau und betonte, dass es gerade an den Wochenenden sehr laut sei.

Eppel, der deshalb bereits mit anderen Anwohnern und auch mit den Syrern gesprochen hatte, sagte ein weiteres Gespräch zu. Das für ihn, wie er auf Nachfrage erklärte, nicht immer einfach sei: Die Verständigung erfolge entweder auf Englisch oder mit Händen und Füßen. Im Fall der Syrer dürfte das bald besser werden: Ein Wochenplan zeigte, dass Erwachsene wie Kinder mehrmals pro Woche Deutsch lernen. Evangelische und katholische Kirchen, Jugendgemeinderat, DRK, VHS, Vereine, Unterrichtskreis und Bürger organisierten zahlreiche gesellige Veranstaltungen, die ebenfalls zur Verständigung beitrugen. Damit soll es weitergehen: geplant sind ein Zoobesuch, Ferienspiele, gemeinsames Kochen, das "Frühstück der Kulturen" und Stadtführungen.

Während der "Runde Tisch Integration" tagte, gab es eine Zusammenkunft von etwa 40 Bürgern am Grundstück in der Straße In den Fensenbäumen 22. Hier plant die Baugenossenschaft Familienheim Rhein-Neckar eine Flüchtlingsunterkunft für weitere 60 Personen. Ein Teilnehmer des Treffens sagte, dass im Wohngebiet "alle sehr verzweifelt und geschockt" seien: "Vor allem die direkten Nachbarn." Die Bürger würden "Ohnmacht" gegenüber Behörden verspüren. Dennoch will eine kleine Sprechergruppe der Bürger das Gespräch mit der Familienheim sowie Landrat Stefan Dallinger suchen. Auch CDU-Landtagsabgeordneter Georg Wacker war an dem Treffen beteiligt und sagte: "Die Anwohner wollen das Beste für alle Beteiligten, nämlich eine gelingende Integration der Flüchtlinge." Am Montag ist die CDU erneut vor Ort.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung