17.08.2015

Wenn man im Alter vor einem Neuanfang steht

RNZ-Sommerserie widmet sich dem Thema "Älter und engagiert" - Teil eins heute mit Alice Hoffmeister-Rieder

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Was bedeutet es für einen Menschen, wenn er das Rentenalter erreicht hat? Viele freuen sich darauf, fühlen sich befreit von den Zwängen der Arbeitswelt; andere, die in ihren Jobs aufgegangen sind, fallen vielleicht in ein tiefes Loch. Und wieder andere wagen einen Neuanfang. In der RNZ-Sommerserie sollen Menschen zu Wort kommen, die von solchen Neuanfängen, ihren Zielen und ihren Träumen berichten.

Die Idee dazu kam von Alice Hoffmeister-Rieder, die mit 67 Jahren gerade an einem Neustart arbeitet. Noch steckt er in den Kinderschuhen, aber die Schriesheimerin stellt sich vor, dass sie damit auch anderen Mut machen kann: "Manche Menschen fragen sich vielleicht, was sie gerne machen würden, was sie können, wo ungenutztes Potenzial ist?" In Hoffmeister-Rieders Fall gab ein leeres Zimmer in ihrer Wohnung den Anstoß: ein schöner, großzügiger Raum, der nach dem Umzug ihres Mannes ins Betreute Wohnen leer steht.

Das Zimmer könnte ein Büro werden, im weiteren Sinne aber auch ein "Raum der Begegnung" und, so hofft sie, ein Ort, an dem Grenzen überwunden werden.

Begrenzungen, und wie man damit umgeht, sagt Alice Rieder, gehören zu ihrem Leben. Aufgewachsen im Rumänien der kommunistischen Diktatur, erlebte sie schon als Kind Einschränkungen und Nöte. 1963 kam sie mit der Mutter und dem Bruder nach Deutschland - Empfindungen von Fremdheit und Unsicherheit kann sie bis heute bei jedem Flüchtling nachvollziehen.

Die Zeit der 68er erlebte die Studentin am juristischen Seminar wieder Grenzen und ihre Überschreitung. Später arbeitete sie als Anwältin und engagierte sich nebenher für den Kinderschutzbund.

"Ich war schon immer auf der Suche nach ehrenamtlichem Engagement", sagt die zweifache Mutter und Großmutter. Beruflich schlug sie recht bald eine andere Richtung ein, machte Ausbildungen in Gesprächsführung und als Heilpraktikerin, in autogenem Training, Atemtherapie, NLP und begleitete Sterbende.

Sie überstand eigene, schwere Erkrankungen und ist überzeugt, dass in jedem Menschen ein großes Heilungspotenzial steckt; um es zu wecken, arbeitet Alice Rieder mit "inneren Bildern", erklärt: "Diese Bilder stecken in jedem Menschen und machen etwas mit ihm." In Einzelsitzungen werden sie herausgearbeitet, begonnen wird etwa mit dem Bild einer Blume, das ihr Gegenüber beschreibt. Ihre Einzelheiten, Farben, Größe und ihr Wuchs sind mit Bedeutungen aufgeladen, die viel über den Seelenzustand eines Menschen aussagen können.

Schwieriges nicht kleinreden

Bilder können, sagt Hoffmeister-Rieder, "heilen, stärken, Türen öffnen". In ihrer früheren Zusammenarbeit mit Arztpraxen wandte sie die Methoden bei Krankheitsbildern wie Bluthochdruck an, legte ihren Schwerpunkt aber bald auf die Betreuung von Krebskranken. "Es geht nicht darum, Schwieriges im Leben kleinzureden, sondern einen individuellen Sinn darin zu finden, der hilft, das anzunehmen und auszuhalten, was ist."

Einen Neuanfang will die Heilpraktikerin in ihrem künftigen Arbeitsraum machen, der wohl ein Abbild ihrer inneren Überzeugungen wird: Mit mobilen, beweglichen Möbeln und Wohlfühl-Atmosphäre.

Denn, sagt Hoffmeister-Rieder: "Die Erfahrungen meines Lebens müssen manchmal zurechtgerückt und in eine neue Ordnung gebracht werden."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung