16.09.2015

Weinlese in Schriesheim: Und dann kam der Hagel

Das Wetter trübte gestern den bis dahin guten Start der Weinlese bei der Schriesheimer Winzergenossenschaft

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Gestern Morgen hatte es bis 8 Uhr schon geregnet, dann wurde es wieder trocken und eigentlich sogar ganz schön. Die Sonne schob sich durch die einzelnen Wolkenballen am blauen Himmel, und bald standen die ersten Schriesheimer Genossenschaftswinzer mit ihrem Müller-Thurgau vor der Traubenannahme am Kelterhaus: "Aber ab 16 Uhr macht’s wieder runter", warnte Thomas Rell von der Kelterhausmannschaft zur Mittagszeit und zeigte auf das "Regenradar" seines Handys. Die Vorhersage sollte stimmen. Nur den Hagel, der Trauben und Reben massiv verletzen kann, zeigte die Wetter-App nicht an: "Richtung Leutershausen wurde es wohl stärker. Wir müssen jetzt erst mal rausfahren und uns ein Bild von der Lage machen. Dann wissen wir, wie schlimm es ist", meinte der Geschäftsführer der Winzergenossenschaft (WG), Harald Weiss, gegen halb fünf am Nachmittag.

Zwar hatten die Winzer viel "Müller" reingeholt, und auch prall gefüllte Edelstahlbottiche mit zuckersüßem Dornfelder-Lesegut der Familien Haas und Krämer standen auf dem Hof des Kelterhauses und warteten auf den Sattelschlepper, der sie nach Breisach zum Badischen Winzerkeller transportiert. Doch der Hagel bedeutete den Abbruch dieses ersten Lesetages, der bis dahin erfolgreich gelaufen war.

Die Zeit der Lese ist an der Bergstraße immer eine besondere. Von Leutershausen bis Dossenheim stehen an den Wegen zwischen den Weinbergen die Schlepper, Rollen und Bottiche. Die Lesemannschaften holen die Ernte rein, und je näher man dem Kelterhaus der WG kommt, umso stärker wird der saftige Geruch nach Most und Maische. Das Idyll täuscht nicht darüber hinweg, dass das Herbsten auch Herausforderung für alle Beteiligten ist.

"Da bereitest Du wochenlang alles vor, machst eine neue Steuerkette an die große Kelter, spülst alles, desinfizierst alles, und dann soll’s losgehen, und die automatische Pumpe fällt aus", ärgerte sich Thomas Rell. Offenbar war ein Zeit-Relais kaputt gegangen. Also musste die Verbindung zu den Keltern von Hand gesteuert werden. Das störte den Arbeitsablauf zwar nicht, war aber trotzdem lästig. Ebenso, dass am geliehenen Gabelstapler die komplette vordere Beleuchtung nicht ging. Also stand mittags schon der Kundendienst auf der Matte.

Der Erste, der dieses Jahr Trauben am Kelterhaus ablieferte, war Heinrich Jost. Er brachte um 10 Uhr blitzsauberes Vollernter-Lesegut aus den Weinbergen von Heiko Jost mit bis zu 86 Grad Öchsle. Rund 20 Prozent des Ertrags lässt die WG inzwischen von Werner Bauer, dem Inhaber des Heidelberger Weinguts Dachsbuckel, maschinell einholen. Im Jahr 2008 testete die WG die Vollernterlese erstmals beim Müller-Thurgau. Seitdem stieg deren Anteil kontinuierlich und wird dieses Jahr auch beim Silvaner, Riesling, Weißburgunder und erstmals beim Grauburgunder eingesetzt.

Denn bei aller Winzer-Romantik: "Wir verschließen uns der Zukunft nicht. In zehn Jahren wird es deutlich weniger Bewirtschafter geben, und sie müssen die gleiche Fläche bearbeiten können, wenn wir unsere 130 Hektar halten wollen. Also müssen wir uns die Strukturen anschauen", so Weiss. Und dazu gehört auch die Herbstorganisation. Eines Tages sei es daher denkbar, dass der Vollernter sogar bis zur Hälfte aller WG-Trauben liest, so Weiss: "Bei entsprechend guter Vorbereitung des Weinbergs kann der Vollernter ein Segen sein."

Auch, was den Zeitfaktor angeht: "Die Maschine braucht für 34 Ar keine 30 Minuten", sagte Heiko Jost. Auch er ist Vollernter-Fan: "Das Lesegut hat eine Super-Qualität, selbst von der Sauberkeit her besser als bei Handlese - vorausgesetzt, die Negativlese vorher war ordentlich." Nicht nur aus der Großsachsener Lage "Sandrocken" kam sein Lesegut, auch am Hohensachsener "Stephansberg" hatte er geerntet. Zu den ersten Anlieferern zählten gestern auch Peter Grüber, Thorsten Stöhr und Tobias Rell. Die Mostgewichte bewegten sich bei den Anlieferungen des Vormittags im Schnitt zwischen 78 und 86 Grad Oechsle: "Das sind noch keine Alkoholbomben", lächelte Weiss.

Bei den Winzern am Kelterhaus kam gestern die Frage auf, warum die WG nicht schon am vergangenen Wochenende mit der Lese begann. Dazu sagte Weiss, dass der Badische Winzerkeller, Partner im Ausbau der WG-Weine, ebenfalls erst an diesem Montag angefangen habe: "Wir haben das mit Breisach so abgestimmt. Außerdem gab es in der Herbstversammlung nicht einen, der sich über den Zeitpunkt unseres Lesestarts beschwert hätte." Überhaupt hat Weiss ebenso wie alle anderen Winzer an der Bergstraße seit gestern Nachmittag ganz andere Sorgen: "Noch drei bis vier Mal Regen in dieser Woche und hohe Temperaturen wären schon schlecht." Zumindest am heutigen Dienstag soll es trocken bleiben. Sagt sicher auch die Wettervorhersage auf Thomas Rells Handy.
Heinrich Jost fuhr gestern als erster am Kelterhaus vor (o. l. mit Uwe Hölzel vom Kelterhausteam), während Steffen Gaber und Thomas Rell an der EDV der Traubenannahme stehen (u. l., v. l.). Hartmut und Peter Haas (Mitte, v. l.) brachten exzellenten Dornfelder. Im Spiegel an der Annahmestation sieht man frisch abgeschüttete Trauben vom Müller-Thurgau (o. r.). Fotos: Dorn

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung