04.11.2015

Inklusion in Schriesheim: Von Türen, Spiegel und dem Hoffe-Fanclub

Beim Informationsabend sprachen Referenten auch über barrierefreies Bauen oder Projekte in der Region

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Eine Tür muss mindestens 90 Zentimeter breit sein, damit man mit Rollstuhl oder Rollator durchfahren kann, ein Bad-Spiegel sollte direkt über dem Waschbecken hängen, damit man sich im Sitzen darin sehen kann - das und noch mehr ist erforderlich für eine behindertengerechte Wohnung. Christiane Zieher von der Handwerkskammer Mannheim unternahm beim "Informationsabend Inklusion" einen virtuellen Rundgang durch ein Haus und erläuterte die Anforderungen für barrierefreies Bauen.

Wichtig für die Bezuschussung seien Norm-Maße: "Die können Sie bei der Handwerkskammer erfragen." Dort würden auch die "mobilen Wohnberater" geschult, es gebe Informationen über die Finanzierung mit KfW-Darlehen oder die Förderung durch Kranken-, Pflege-, oder Rentenversicherung. Barrierefreiheit im Alter war ein Aspekt des Themas, den Bürgermeister Hansjörg Höfer eingangs ansprach: "Das ist Inklusion, die uns alle angeht." Als Teil von "Du, ich, wir", einer Kampagne des Landes-Sozialministeriums, wolle die Veranstaltung dem Abbau von Barrieren dienen, das Zusammenleben von Behinderten und Nicht-Behinderten fördern, so Höfer. Organisiert wurde der Abend in der Mehrzweckhalle von der städtischen Inklusionsbeauftragten Karin Reichel, die ein buntes Programm mit Musik und Vorträgen zusammengestellt hatte.

Drei von ihnen gingen auf Inklusionsprojekte in der Region ein. Den Anfang machte Michael Mildenberger vom Weinheimer "Pilgerhaus", der 2008 den integrativen Fanclub Hoffenheim gegründet hatte. Mit zwölf Mitgliedern fing er an, heute sind es 150. Es gab ein Qualifikationsturnier für die "Special Olympics", gemeinsame Spiele mit den Hoffenheim-Profis oder mit Mitarbeitern der Stadtverwaltung in Weinheim und den Besuch von Heim- und Auswärtsspielen.

Unter den Fans herrsche große Verbundenheit, selbst Hooligans würden dem Club mit Freundlichkeit begegnen. Was ihn motiviert, fasste er so zusammen: "Am schönsten ist das Lachen, die Freude der Menschen, die einen umgibt."

Dr. Martin Sowa arbeitet beim Landes-Behindertenbeauftragten Gerd Weimer als Referent für Inklusionssport und leitet das Inklusionsprojekt "Bison". Integrative Ruderclubs, Tischtennis- und Hip-Hop-Gruppen oder Fußballmannschaften entstanden im ganzen Land. Sowa riet allen, die Ähnliches vorhaben: "Wenn Sie etwas anbieten, seien Sie zuverlässig, bleiben Sie gelassen, konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche."

Herbert Scheuermann vom TV Eppelheim schien diese Ratschläge beherzigt zu haben: Vor acht Jahren nahm er zwei behinderte Sportler in seinen Lauftreff auf. Ganz einfach war es nicht, aber: "Es sind ganz besondere Menschen." Mal mehr, mal weniger geistig behinderte Teilnehmer machten über die Jahre hinweg mit, so Scheuermann: "Wir sind als Gruppe dabei ganz toll zusammengewachsen."

Zum Schluss berichtete Inklusionslotsin Idil Reineke vom 2014 gegründeten Inklusionsprojekt der Arbeiterwohlfahrt und ihren Kooperationspartnern vor Ort: TV Altenbach, Push-Verein und der Partyservice Keller seien dabei, mit dem TV Schriesheim gebe es einen Austausch, der Minigolfclub biete einen rollstuhlgerechten Parcours an, und unlängst kam auch die Stadtbibliothek auf Reineke zu. Mit einem Bücherstand präsentierte Leiterin Johanna Krämer die Einrichtung, in der es Bücher in "leichter Sprache" und über das Leben mit Behinderung gibt.

Das Schönste an diesem Abend waren aber die musikalischen Beiträge: Der erste kam von der Trommelgruppe. Seit fast einem Jahr treffen sich die zehn Mitglieder unter der Leitung von Jasmin Munkelt alle zwei Wochen, um gemeinsam zu spielen; lange, lautmalerische Stücke auf den verschiedensten Percussions-Instrumenten wurden einstudiert, die auch dem Publikum Spaß machten.

Zwei Jahre Proben hatten die Darsteller des Musicals "wheelchairica" hinter sich, am Freitag, 13., und Samstag, 14. November, wird es in der Heidelberger Hebelhalle aufgeführt. Die Gäste des Info-Abends bekamen eine Kostprobe aus mitreißender Musik, flüssiger Choreografie und witzigen Dialogen: Am liebsten hätte man gleich das ganze Musical gesehen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung