13.01.2016

Flüchtlingshelferin Fadime Tuncer: "Wir haben gelernt, spontan reagieren zu können"

Fadime Tuncer über die heutige Belegung der Carl-Benz-Straße 23 mit etwa 60 Flüchtlingen

chriesheim. (cab) Fadime Tuncer koordiniert in der Schriesheimer Flüchtlingshilfe die ehrenamtliche Unterstützung.

Die RNZ sprach mit ihr über die am heutigen Mittwoch erwartete Unterbringung von rund 60 Flüchtlingen im ehemaligen Gewerbebetrieb in der Carl-Benz-Straße 23.

Frau Tuncer, hat das Landratsamt die Schriesheimer Flüchtlingshilfe schon um Unterstützung gebeten?

Nicht direkt um Unterstützung gebeten, aber wir wurden von den Sozialarbeitern über das Kommen der neuen Personen informiert. Bürgermeister Höfer hat sich sogar persönlich bei mir gemeldet.

Wie werden Sie und Ihre Mitstreiter ab Mittwoch konkret helfen können?

Wir werden die Neuankömmlinge erst einmal ankommen und in Ruhe ihre neue Unterkunft beziehen lassen. Und dann, je nach Lage und Situation, entscheiden. Es wird eine Erstversorgung mit Essen und Willkommenspaketen geben, einem Stadtplan und einer Übersicht mit den ortsansässigen Ärzten. Die Einkaufsmöglichkeiten sind ja direkt vor der Tür. Ein kurzer Rundgang wäre auch möglich - je nach dem, wann sie ankommen.

Ist die Situation für Sie und die Flüchtlingshilfe heute vergleichbar mit der Ankunft der Syrer im Kleinen Mönch im September vor zwei Jahren oder gibt es da Unterschiede?

Sie ist nicht ganz vergleichbar. Heute kommen mehr als doppelt so viele, aber wir haben nun einen Wissens- und Erfahrungsvorsprung und viele, viele Unterstützerinnen und Unterstützer.

Sind im Kleinen Mönch eigentlich noch immer die gleichen Familien untergebracht, die damals nach Schriesheim kamen?

Ja, an der Belegung hat sich nichts geändert. Die Familien hatten zwar ihre Anhörung letztes Jahr im November, warten seitdem aber immer noch auf ihre Anerkennung. Vorher können sie leider die Gemeinschaftsunterkunft nicht verlassen und sich eine Wohnung suchen.

Konnten Sie sich die Unterkunft in der Carl-Benz-Straße im Vorfeld anschauen, um Erkenntnisse zu gewinnen, für welche Hilfe es gleich am Anfang Bedarf gibt, etwa für Sachspenden?

Nein, leider nicht. Aber wir haben auch gelernt, spontan reagieren zu können. Daher bin ich da etwas entspannt.

Fürchten Sie vor dem Hintergrund der Geschehnisse an Silvester in Köln und anderen Städten, dass in Schriesheim die Bereitschaft zur Hilfe nachlässt oder es gar zu offener Ablehnung der Flüchtlinge kommt?

Wir dürfen uns nicht von diesen Ängsten treiben lassen und stigmatisieren. Die Ereignisse bestätigen aber, wie wichtig Integration ist, und dass wir patriarchalische Strukturen nicht dulden. Das müssen wir den Personen klar machen, die zu uns kommen, ohne Wenn und Aber. Da gehe ich auch keine Kompromisse ein.

Der Bauausschuss wollte seinerzeit darauf bestehen, dass 25 Personen in der Carl-Benz-Straße 23 untergebracht werden. Bürgermeister Höfer beharrte auf 50 Personen, weil der Kreis deren Unterbringung "beantragt" hatte. Nun sollen 60, gar bis zu 80 Flüchtlinge hier untergebracht werden. Zu viele an dieser Stelle im Gewerbegebiet?

Hier stehen sich Wunsch und Wirklichkeit gegenüber. Wenn ich betrachte, wie viele Flüchtlinge die umliegenden Gemeinden bereits aufgenommen haben, so mag ich nicht über viel oder wenig oder angemessen reden. Es fliehen täglich Tausende von Menschen, die sich eine neue Zukunft suchen. Wir sollten uns mehr Gedanken machen, warum sie fliehen und wie geholfen werden kann. Darauf sollten wir unsere zukünftige Energie verwenden.

Halten Sie den Standort im Gewerbegebiet aus Sicht der Flüchtlingshilfe für geeignet?

Ja, er ist in der Nähe der Einkaufsmöglichkeiten, am Öffentlichen Personennahverkehr und nicht weit zur Altstadt. Und es gibt Nachbarn.

Wie können hilfsbereite Bürger Ihre Arbeit unterstützen?

Auf unserer Homepage flüchtlingshilfe-schriesheim.de kann sich jeder und jede über unsere Arbeit informieren. Dort findet man auch aktuelle Hilfsaufrufe. Man kann sich auch persönlich an mich wenden, und wir überlegen dann gemeinsam, wie sich die Person einbringen und helfen kann. Viele melden sich aber auch mit direkten Angeboten und Sachspenden.

Hintergrund

(cab) "Jetzt kommt die Welt zu uns", sagt Bürgermeister Hansjörg Höfer und bezieht sich auf rund 60 Flüchtlinge, die der Rhein-Neckar-Kreis am heutigen Mittwoch in der Carl-Benz-Straße 23 unterbringen möchte. Im Laufe des Tages würden sie erwartet, "eine genaue Uhrzeit ist uns nicht bekannt", sagt Höfer. Gemeinsam mit Fadime Tuncer von der Schriesheimer Flüchtlingshilfe informiert er am Montag über die Belegung der ehemaligen Lagerhalle samt Werkstatt im Gewerbegebiet.

Höfer betont, dass 60 Personen hier verträglich seien, da das Landratsamt auf die Wünsche der Stadt eingegangen sei: "Es kommen keine Einzelpersonen." Dass der Kreis hier zunächst nur 50 Flüchtlinge unterbringen wollte, jetzt aber die Option für bis zu 80 Plätze in den Raum stellt, sei ein Zeichen der Überforderung der Behörde, sagte Höfer. Wie viele Kinder unter den Flüchtlingen sein werden, könne er nicht sagen. Er unterstreicht jedoch, dass die Stadt nicht vom ersten Tag an für Plätze in den Schulen sorgen müsse. Sprachkurse, die Erwachsene von montags bis freitags besuchen können, seien vorbereitet, so Tuncer.

Auf den guten Erfahrungen, man mit den syrischen Familien im Kleinen Mönch gemacht habe, will die Flüchtlingshilfe auch in der neuen Unterkunft aufbauen: "Wir wollen hier die gleichen Strukturen schaffen, die Menschen auffangen und ihnen zeigen, dass sie willkommen sind", sagt Tuncer. Sie kann auf 30 bis 40 ehrenamtliche Unterstützer zurückgreifen. Zudem verfügt sie über eine Liste weiterer Hilfsbereiter. Darüber hinaus wird ab 1. März bei der Stadt die 24- Jahre alte Integrationsbeauftragte Isabel Herschel anfangen. Sie absolviert die Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg. Im Schriesheimer Rathaus hat bereits sie ein Praxissemester hinter sich: "Wir kennen sie also", sagt Höfer.

Herschel wird eine unbefristete Ganztagsstelle erhalten, die dem Ordnungsamt zugeordnet ist und die vom Land mit 105.000 Euro für drei Jahre gefördert wird. Ihr Arbeitsprofil werde noch erstellt, sagt Höfer. Dabei werde man auch auf die Erfahrungen der Stadt Weinheim zurückgreifen. Tuncer ist froh, dass das Rathaus und die Flüchtlingshilfe nun gemeinsam Verantwortung übernehmen. Zudem seien die Sprachbarrieren zu den neuen Flüchtlingen überwindbar, seit man Dolmetscher gefunden habe: "Wir haben viel Potenzial in der Stadt", sagt Tuncer.

Höfer zufolge haben rund sieben Prozent aller Mitbürger in Schriesheim einen Migrationshintergrund. Die Flüchtlinge würden das Bild in der Stadt in den nächsten Jahren verändern: "Das war nach dem Kosovo-Krieg genauso. Ich habe da keine Bedenken". Zudem habe es einer Gesellschaft immer gut getan, wenn sie von Menschen anderer Kulturkreise bereichert wurden. Ende der Woche will Höfer die Ankömmlinge besuchen, sich vorher aber mit Tuncer abstimmen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung