26.01.2016

Schriesheimer Winzer muss seine Weinberge hergeben

"Das ist Willkür": Land zieht Rebzeilen an Leutershäuser Straße als Ausgleichsflächen für Branichtunnel heran und kündigt dem Winzer die Pacht

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Peter Grüber steht an seinem 20 Ar großen Wingert, der direkt an der Leutershäuser Straße liegt. Die Brücke, unter der die Zufahrt zum Branichtunnel verläuft, ist nicht weit. Von Grübers Rebzeilen aus hat man einen ganz guten Blick auf das Westportal und das Betriebsgebäude der neuen Ortsumgehung, die im Sommer eröffnet werden soll. Wie eine tiefe Schneise liegt die Landstraße "536 neu" vor dem Tunnel. Grübers Grundstücke sind direkt daneben, blieben aber vom Straßenbau gerade noch verschont.

Hier auf Leutershäuser Seite, im Gewann Obere Kehläcker, gehört Grüber ein Wingert, die beiden links und rechts davon hat er gepachtet. Auch den, an dem er gerade in die Wintersonne blinzelt. Früher war hier ein Schrottplatz. Der Grund und Boden gehörte Karl Merkel. 1977 schloss dieser mit Grüber einen Pachtvertrag auf unbestimmte Zeit ab.

Heute stehen hier seine Reben vom Müller-Thurgau. Doch wohl nicht mehr lange. Denn inzwischen hat das Land die beiden Grundstücke gekauft und Grüber die Pacht zum 11. November dieses Jahres gekündigt. Nach Aussage von Joachim Fischer, Sprecher des Regierungspräsidiums Karlsruhe (RP), sollen hier Streuobstwiesen entstehen - im Rahmen der Ausgleichsmaßnahmen für die Tunnelzufahrt.

Grüber nennt das "Willkür". Er glaubt nicht, dass er irgendeine rechtliche Handhabe hat. Aber darauf hinweisen, dass hier wieder landwirtschaftliche Fläche für den Straßenbau draufgeht, will er doch.

Fischer am Telefon und Grüber vor Ort stellen den Sachverhalt nicht ganz deckungsgleich dar. Übereinstimmend schildern sie, dass dem Winzer von Seiten des RP ein Tauschgrundstück für den Wingert angeboten wurde, der sein Eigentum ist. Grüber bestätigt: "Ich hätte eins nehmen sollen oberhalb vom Tunnel, in einer Steillage. Da wär’ ich mit dem Schlepper bald umgekippt. Das war überhaupt nicht gleichwertig."

Die Behörde und Grüber verhandeln schon ziemlich lange. Bereits im Juli 2008 ließ der Winzer seinen Anwalt auf eine Aufforderung zum Verkauf des Weinbergs reagieren. Überrascht sei der Mandant, zumal man Grüber im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens nie mitgeteilt habe, das sein Grundstück für Ausgleichsmaßnahmen herangezogen werden müsse. Fischer dazu gestern auf RNZ-Anfrage: "Die Betroffenheit von Herrn Grüber ergibt sich aus dem Planfeststellungsbeschluss von 2004." Und im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens habe Grüber weder Einwendungen erhoben, noch geklagt. Dieser war jedoch davon ausgegangen, gar nicht tangiert zu sein. Jetzt wird er für die Rebzeilen auf seinen beiden Pachtgrundstücken vom Land eine Entschädigung erhalten: "Das haben wir vereinbart", so Fischer.

Bezüglich seines eigenen Weinbergs ist Grüber gestern so zu verstehen, dass er ihn nun doch weiter bewirtschaften kann. Fischer stellt aber klar: "Auch dieses Grundstück ist für die Ausgleichsmaßnahmen nötig." Grüber werde also auch sein Eigentum an der Leutershäuser Straße nicht behalten können. Und selbst wenn er das angebotene Tauschgrundstück abgelehnt habe, so suche man doch noch nach einer gütlichen Einigung, so Fischer: "Darauf hoffen wir. Denn Enteignung ist für uns die Ultima Ratio." Der Behördensprecher ergänzt noch, dass das RP gar nicht zu einem Tauschangebot verpflichtet gewesen sei. Grüber schüttelt den Kopf.

Er kann einfach nicht fassen, dass die Weinberge jetzt weichen müssen: "Und dann sollen hier auch noch Hecken hin." Schon sieht er die Wildschweine, die es sich darin gemütlich machen: "Die kommen doch alle von da oben aus dem Wald. Den Friedhof haben sie schon zerstört, und eine Sau von hier ist kürzlich durch die ganze Stadt gerannt. Da braucht man auf den ersten Unfall unten auf der neuen Straße nur zu warten." Allerdings: Von Hecken ist Fischer gar nichts bekannt. Es gehe ausschließlich darum, neue Streuobstwiesen anzulegen.

Insgesamt seien von dieser Ausgleichsmaßnahme 13 Grundstücke mit einer Fläche von 13 325 Quadratmetern betroffen - es geht also nicht nur um Grüber. Insgesamt sollen 155 Hochstämme alter Obstsorten gepflanzt werden, sowohl Kern-, als auch Steinobst. Auf die Frage, warum Grübers Rebzeilen nicht einfach als ein gutes Stück Natur stehen bleiben können, sagt Fischer: "Streuobstwiesen gelten als ökologisch hochwertiger." Sie seien Lebensraum für eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt, dienten als Biotope, und nicht zuletzt werde das Erdreich für Bodenorganismen gestärkt.

Für Grüber dürfte es ein schwacher Trost sein. Er verliert seine Weinberge an der Leutershäuser Straße. Aber zumindest den Wingert etwas oberhalb, im Gewann Ohlig, kann er behalten. Genau auf Höhe des Westportals des Branichtunnels steht hier ein alter, großer Kirschbaum vor den Reben vom Dornfelder, Lemberger und Chardonnay.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung