08.03.2016

Sigmar Gabriel beim Mathaisemarkt: Ernste Töne statt "Haudrauf"-Rede

Vizekanzler Gabriel warnt bei der Mittelstandskundgebung vor einfachen Lösungen in der Flüchtlingskrise

Von Kathrin Hoth

Schriesheim. Von königlichen Hoheiten wird offenbar selbst ein deutscher Wirtschaftsminister nicht jeden Tag begrüßt. "Oho", entfuhr es Sigmar Gabriel (SPD) zumindest gestern, als ihn Weinkönigin Katrin mit Gefolge zur Mittelstandskundgebung des Bundes der Selbstständigen (BDS) beim Schriesheimer Mathaisemarkt empfing. Der diesjährige Gastredner gab sich volksnah und schlagfertig: Gefragt, wie er sich im Festzelt vor rund 2000 Besuchern durchsetzten wolle, lautete die trockene Antwort: "Dort wird es doch ein Mikrofon geben."

Das gab es. Und Gabriel wusste es auch zu nutzen, um den Besuchern seine Botschaften mit auf den Weg zu geben. Wenngleich er keine seiner "Haudrauf-Bierzeltreden" zum Besten gab - von dem einen oder anderen Kalauer abgesehen ("Ich habe gesehen, hier sprachen auch schon Stoiber und Niebel, da haben Sie ja schon ganz schön was mitgemacht"). Es sei eine ernste Zeit, so Gabriel, in der ihm der eine oder andere Witz im Halse stecken bleibe.

Natürlich stand damit sofort die Flüchtlingsthematik im Raum. Sie nahm den meisten Platz in Gabriels fast 40-minütigen Ausführungen ein. Obwohl, oder vielleicht gerade weil BDS-Präsident Günther Hieber in seiner Begrüßungsrede das Thema nach seinen Worten bewusst ausgespart hatte. Der SPD-Vorsitzende nutzte die Zeit, um das Rezept seiner Partei in dieser Frage komplett durchzudeklinieren: Mehr Hilfe für Syriens Nachbarländer, die EU-Außengrenzen besser schützen und den Krieg in Syrien beenden. Nur so ließen sich die Zuwanderungszahlen reduzieren, nicht durch Grenzschließungen.

"Wer kommt und sagt, ich habe für eine komplizierte Situation eine einfache Lösung, den sollten sie nicht wählen", rief Gabriel in den Saal und erntete dafür viel Applaus der Mittelständler. Ebenso wie für seinen Seitenhieb auf die USA. "Sie sind mit schuld am Elend, das im Irak stattfindet, sie sollten sich mehr beteiligen", sagte Gabriel. Mit Blick auf die große Aufgabe der Integration mahnte er Investitionen in Sprachausbildung und Wohnungsbau an.

Jegliche Pointe wollte sich der 56-Jährige dann aber auch bei diesem Thema wohl nicht nehmen lassen. Zu den Zwistigkeiten innerhalb der Union ließ er wissen, es habe Zeiten gegeben, in denen Angela Merkel zwischen ihm und Horst Seehofer habe vermitteln müssen. "Jetzt muss ich zwischen ihr und Seehofer vermitteln." Und der Vizekanzler setzte noch einen drauf: "Eigentlich wollte ich Angela Merkel ablösen. Jetzt muss ich sie schützen." Es waren Sprüche, die im Festzelt ankamen.

Ebenso wie der Exkurs, in dem Gabriel auf die Sorgen der Mittelständler einging. Stichwort Einführung einer Obergrenze für Barzahlungen und Bargeldabschaffung: "Wie weltfremd muss man sein, dass man glaubt, damit Korruption bekämpfen zu können?", rief Gabriel. Dem Wunsch von BDS-Präsident Hieber nach einem Abbau der Kalten Progression erteilte er jedoch eine Absage: "Ich weiß nicht, ob das die zentrale Aufgabe ist. Ich würde gerne als erstes Familien entlasten."

Am Ende dann kam der Vizekanzler nach einer Rede fast ohne Wahlkampfmanier doch noch auf kommenden Sonntag zu sprechen. "Reden Sie mit ihren Freunden und Bekannten darüber, dass man das demokratische Wahlrecht nicht gering schätzen soll", bat er das Publikum. Und das, nachdem er kurz vorher noch gescherzt hatte, die Schriesheimer Weinhoheiten seien für ihn ein Grund, Monarchist zu werden.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung