21.03.2016

Müllsammlung Schriesheim: Den Einkaufswagen muss ein Traktor holen

Kuriose Funde bei der Müllsammelaktion der Jäger - Unzählige Glasscherben unterhalb der Strahlenburg

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Wer kauft einen Einkaufswagen, rollt ihn zur Strahlenburg hoch und wirft ihn dann ins Gebüsch? Das wird wohl eins der ungelösten Rätsel rund um die Müllsammel-Aktion bleiben, die der Jägerstammtisch bereits zum dritten Mal organisiert, unterstützt von Winzergenossenschaft (WG), Odenwaldklub, Verkehrsverein und vielen Helfern.

Die treffen sich samstags um neun Uhr an der Kelterhalle, noch etwas verschlafen, dafür aber warm eingepackt gegen die Kälte. Jäger Steffen Vree teilt die gut 30 Schaffer in verschiedene Trupps ein. Geputzt wird am Rückhaltebecken, in Karl Kellers Revier am Weißen Stein, mit Hans-Peter Baus in den Feldern und, auf Anregung eines Schriesheimers, auch bei der Odenwaldstraße.

Daneben sind vier Jäger in Ursenbach unterwegs, eine weitere Gruppe hat sich die Umgebung des Ortsteils Altenbach vorgenommen. In Autos, auf Anhängern und zu Fuß schwärmen die "Reinigungskräfte" aus, die RNZ schließt sich an. Einsatzort der Gruppe um Siegbert Rieger ist die Strahlenburg, und man hat den Eindruck, dass Schriesheim da am schmutzigsten ist, wo es am schönsten sein könnte.

Am Weg und an der steilen Böschung unterhalb der Aussichtsplattform ist buchstäblich jeder Quadratzentimeter voller Glas. Scharfkantige Scherben, braun, grün, durchsichtig und blau, ragen aus dem Boden oder sind bereits eingetreten. Die Arbeit ist beschwerlich; immer wieder verhakt sich die Kleidung im winterlich kahlen Brombeergestrüpp, manche Splitter sind so spitz, dass sie die beschichteten Gartenhandschuhe durchdringen und kleine Schnittwunden verursachen.

Unwillkürlich denkt man an die Hunde, die hier spazieren geführt werden, und die Wildtiere, die nachts unterwegs sind. Wie viele haben sich hier wohl schon verletzt? Kronkorken, Zigarettenkippen und Likörfläschchen sind Überbleibsel von Partys, zu denen der traumhafte Blick über die Ebene eingeladen haben mag.

"Wir haben ja nichts dagegen, wenn die jungen Leute hier feiern", sagt Harald Weiss, "aber dann sollen sie doch bitte ihren Müll wieder mitnehmen." Das müssten sie nicht einmal, denn auf der Plattform steht unübersehbar ein Mülleimer. Der WG-Geschäftsführer wuchtet ein paar volle Müllsäcke zum Sammelpunkt. Wenig später entdeckt er den Einkaufswagen und versucht hartnäckig, ihn freizubekommen. Blutige Schrammen in seinem Gesicht erzählen von seinem Kampf mit den Brombeeren, doch der Wagen ist nicht von der Stelle zu bekommen. "Wir holen ihn in dieser Woche mit dem Traktor", sagt Weiss.

Zwei Jungen aus der Gruppe machen den nächsten Fund: Zwischen Tannen steckt ein Zelt, das offenbar von einem Windstoß den Berg heruntergeweht wurde. Fasziniert sind die Kinder auch von den Platzpatronenhülsen, die immer wieder zwischen den zaghaft austreibenden Pflanzen gefunden werden.

Ansonsten widmen sie sich mit Hingabe den Silvester-Hinterlassenschaften am Hang und klauben orangefarbene Raketenhülsen, Holzstäbe und die Papp-Gehäuse von Knaller-"Batterien" vom Boden auf. Um die Mittagszeit kehren die Arbeiter zur Kelterhalle zurück. Hilde und Heiner Bock aus Hirschberg haben einen gewaltigen Topf duftender Kartoffelsuppe gemacht, dazu gibt es Brötchen, Hefeteilchen und kalte Getränke. Gegessen wird inmitten der Fundstücke, die kaum in die zwei Acht-Kubikmeter-Container der Stadt passen. Autoreifen, Ölfässer, Fetzen von Abdeckfolie, Gartenzäune, ein Plastiksandkasten und Farbeimer wurden geborgen.

Und auch eine Küchenmaschine, die ebenso Rätsel aufgibt wie der Einkaufswagen: ein großes, viereckiges Plastikding, fein säuberlich in eine Tüte verpackt. Und mitten in die Landschaft geworfen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung