10.04.2016

AWO Schriesheim gibt Zwischenbericht über ihre Inklusionsarbeit ab

Kontakt zur Stadtbibliothek - Unterstützung aus dem Rathaus

Schriesheim. (sk) Sie haben drei Wohnungen, jede mit einer eigenen Küche, einem Wohnraum und einem gemeinsam genutzten Bad. Drei Frauen und fünf Männer zwischen Anfang 20 und Mitte 40 leben in Wohngemeinschaften zusammen am Schillerplatz. Für die geistig Behinderten ist dieses "ambulante" Wohnen eine Chance auf ein ziemlich selbstständiges Leben, auch wenn sie bei vielen Alltagsdingen Hilfe oder Anleitungen brauchen. "Es ist ein innovatives Wohnprojekt, das wir hier haben", sagt Jennifer Hohmann.

Die Abteilungsleiterin der Behindertenhilfe Wohnen in der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und Schriesheims Inklusionslotsin Idil Reineke arbeiten hier für die AWO seit knapp zwei Jahren mit behinderten Menschen. Der RNZ berichten sie von ihren Aktivitäten und davon, wie die Kooperation mit Vereinen und Institutionen in den letzten Monaten vorangekommen ist.

Dreimal im Jahr finden Netzwerktreffen statt, aus denen eine neue Rubrik im Amtsblatt hervorging sowie eine Veranstaltung zum Thema Wahlen. Die Zusammenarbeit mit dem TV Schriesheim trägt ebenfalls Früchte: Eine behinderte junge Frau wurde Vereinsmitglied und ist in einem Fitnesskurs angemeldet. Auch mit dem Push-Verein gibt es bald wieder ein Treffen, bei dem ein Frühjahrsputz rund ums Jugendhaus und Geselligkeit auf dem Programm stehen.

Mit ihren Betreuern besuchen die Schillerplatz-Bewohner darüber hinaus Lesungen, Konzerte, eine "inklusive" Tanzparty, Mittelaltermärkte und im Sommer das Waldschwimmbad. Der Kontakt zur Stadtbibliothek besteht schon seit einem Jahr: Regelmäßig bekommen sie eine Leih-Kiste mit Büchern und CDs, die sich großer Beliebtheit erfreut.

Eine Frau mag beispielsweise Fantasy-Romane und Tolkiens "Herr der Ringe", andere warten immer sehnsüchtig auf neue Bilder- oder Hörbücher. Nun sollen die Acht eine Bibliotheksführung durch Leiterin Johanna Krämer erhalten, denn die Einrichtung hat seit kurzem ein Regal mit Büchern in Großdruck und einfacher Sprache, die speziell auf die Bedürfnisse von geistig Behinderten zugeschnitten sind. "Das kommt aber auch Jugendlichen oder Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen zugute", sagt Reineke. Auf jeden Fall soll das Regal helfen, bestehende Schwellenängste abzubauen.

Neben den Sprechstunden und Anfragen von Behinderten, die Schriesheim besuchen wollen, steht für Reineke noch der Stadtführer für Behinderte auf der Aufgabenliste. Als Vorbereitung auf diese Infobroschüre hat sie einen Fragebogen mit 25 Punkten verschickt.

Während VHS und Schulen prompt antworteten, ging es bei den Gewerbetreibenden schleppender voran. Gefragt wird nach Alltagsdingen wie Türbreiten, Schwellen und Rampen, die im Zweifelsfall zum Problem werden könnten; Reineke interessiert sich aber auch für die Bereitschaft, auf einen behinderten Kunden einzugehen. "Beispielsweise, ob die Kellner einem Gast die Speisekarte vorlesen, wenn er nicht lesen kann", sagt Reineke.

Zwei Apotheken, sechs Gaststätten und acht Ärzte haben bislang reagiert, Reineke braucht weiter Geduld. Dafür steht ihr, was in der Region bislang einzigartig ist, im Rathaus Karin Reichel als Inklusionsbeauftragte zur Seite; Basis dafür ist ein Kooperationsvertrag zwischen Stadt und AWO. "Da sind wir gut aufgestellt und werden viel beneidet", sagt Hohmann.

Vorbildhaft seien aber auch Unterstützungen durch Private, etwa die Trommelgruppe, die von einer Schriesheimerin geleitet wird und zweimal im Monat stattfindet. Das alles trägt dazu bei, sagt sie, dass die Bewohner sich in der Weinstadt wohlfühlen: "Sie sollen hier ankommen."

Info: Am 7. Mai von 10.30 bis 12.30 Uhr ist Reineke mit einem Infostand auf dem Wochenmarkt. Am "Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung" kann man hier mit Brillen und einem Anzug ausprobieren, wie sich Altersbeschwerden und Sehbehinderungen anfühlen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung