19.04.2016

Stolperfallen und viele Tücken statt Barrierefreiheit in Schriesheim

Die "Arbeitsgruppe Barrierefreiheit" testete erneut Schriesheims Straßen und Plätze

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Wie kommen Ältere, Geh- und Sehbehinderte auf Schriesheims Straßen und Plätzen zurecht? Das fragte sich die "Arbeitsgruppe Barrierefreiheit" schon vor Jahren und nahm eine Begehung des OEG-Bahnhofs vor. Jetzt gab es eine Neuauflage, verbunden mit der Überprüfung, was sich seit damals getan hat. Zusammen mit Karin Reichel aus dem Rathaus und "Inklusionslotsin" Idil Reineke machte sich eine Gruppe aus neun Schriesheimern und Dr. Barbara Schenk-Zitsch von der Arbeitsgruppe zu Fuß durch die Innenstadt.

Los ging es, wie schon damals, an den Gleisen. Hier wurden seinerzeit die hohen Schwellen bemängelt, die mit Rollstuhl oder Rollator nur schwer zu bewältigen seien. Die Gruppe habe vorgeschlagen, erinnerte Reichel, dass die Hälfte des Übergangs für Sehbehinderte im ursprünglichen Zustand belassen werden sollte, während auf der anderen Hälfte Material "angestückelt" werden sollte. Doch das Ergebnis enttäuschte alle: Auf der gesamten Breite war Asphalt aufgeschüttet worden, doch schwellenlos war das Ergebnis nicht. Noch immer hatten zwei ältere Frauen Schwierigkeiten, mit den Rollatoren über das Hindernis zu kommen. Ob tatsächlich, wie von der RNV versichert, für die Angleichung "Spezialmaterial" verwendet worden sei, bezweifelte Schenk-Zitsch. Reichel versicherte: "Ich bleib da dran."

Es sollte ein straffes weiteres Programm folgen, mit einem Marsch die Talstraße entlang, über den Festplatz, die Max-Planck-Straße, das Schulzentrum und die Unterführung bis zurück zum Platz, doch zunächst kamen die Teilnehmer nicht weit. Eine Frau beklagte sich über den Bordstein an der Rückseite der Schillerstraßen-Parkplätze, über den man stolpern könnte, und Katja Jag schilderte die Probleme, die ihr als Blinde das Überqueren der Schienen bereite: "Die Bahn aus Weinheim kommt so schnell angefahren, dass ich schon oft Angst hatte, überfahren zu werden." Denn durch den Motorenlärm von der B 3 könne sie das Geräusch der herannahenden Bahnen nicht ausmachen, sodass sie darum bat, die Schienenfahrzeuge entweder viel langsamer einfahren zu lassen oder ihr Kommen durch ein Signal anzukündigen.

Nächster Halt war die Kreuzung Theodor-Körner-/Ecke Bismarckstraße: Durch die Betonschwellen des Bauzauns war der Fußgängerweg zu schmal für Kinderwagen und Rollatoren. Doch Reichel fand, dass hier ohne Probleme Abhilfe geschaffen werden könnte: "Da müsste man doch nur die Betonfüße anders herum stellen." Dekorative Pflanzen, Kübel und Treppenstufen entlang der Heidelberger Straße hatten für eine Blinde ihre ganz eigenen Tücken, doch Jag nahm vieles mit Humor. "In der Weihnachtszeit bleibe ich regelmäßig in den Christbäumen hängen", berichtete sie grinsend über ihre unfreiwilligen Zusammenstöße mit dem Tannengrün vor den Geschäften.

Nach Klagen über die Parksituation in der Straße ging es weiter zum Kanzelbachsteg, der nach einem Regenguss rutschig war - für viele der älteren Fußgänger kein Vergnügen. Jag bemerkte, sie habe gerade vor dem Abschnitt des Stegs ohne Geländer Respekt.

Am Rathaus gab es diesmal keinen Zwischenhalt, nur eine kurze Information Reichels: "Ja, wir kriegen die neuen Türen." Gemeint waren gläserne Schiebetüren für den Haupteingang. Sie sollen nach links und rechts aufgehen, und zwar automatisch immer dann, wenn sich ein Besucher nähert. Wann es so weit ist, konnte in der Runde niemand sagen, nicht einmal Bürgermeister-Stellvertreterin Schenk-Zitsch. Reichel vermutete nur: "Noch in diesem Jahr."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung