13.06.2016

Keine Einigkeit bei den Winzern und Umweltschützern

Schriesheim. "Wir haben heute Abend ein Mammutprogramm bewältigt", sagt Lothar Schlesinger, Leiter des Amts für Flurneuordnung beim Rhein-Neckar-Kreis. Gut 50 Grundstückseigentümer haben in den vergangenen vier Stunden die Stärken- und Schwächenanalyse des 65 Hektar großen Gewanns "Mergel" genauer unter die Lupe genommen und präzisiert. Punkt für Punkt. Draußen ist es schwül, in der Kuhbergstube der Winzergenossenschaft steht die Luft. Hitzig ist zwischendurch auch die Diskussion. Doch ein Gewitter entlädt sich später nur draußen. Es bleibt sachlich. Dieser Workshop ist die zweite Phase der Bürgerbeteiligung zur geplanten Flurneuordnung im Gebiet zwischen Schriesheim und Dossenheim, das von Weinbergen geprägt ist. Doch es geht nicht nur um Weinbau und Landwirtschaft. Natur- und Umweltschutz sowie Naherholung und Tourismus sind weitere "Handlungsfelder" des Verfahrens, für die die Teilnehmer Chancen, Risiken und jede Menge Anregungen formulieren. Schlesinger hat jetzt gute Grundlagen für eine erste Planung, die seine Behörde erarbeiten und in einigen Wochen vorstellen wird. Und er weiß, dass es Interessenskonflikte gibt, die absehbar waren.

Sie treten an diesem Abend zu Tage. Winzer wie Georg Bielig wollen auch in Zukunft Spitzenweine aus den Trauben einer guten Lage erzeugen und wirtschaftlich rentablen Weinbau im "Mergel" durch die Flurneuordnung langfristig sichern. Umweltschützer wie Dermot O’Connor vom BUND Dossenheim fordern, dass der Naturschutz deutlicher Schwerpunkt sein muss und kritisieren, dass das Gewann schon heute von der "Monokultur" Wein geprägt sei. Winzer Peter Grüber kontert, dass eine Sicherung der Bewirtschaftung zugleich Landschaftserhalt sei, und Schlesinger warnt vor einer "Museumslandschaft". Die Gegenseite erwidert, dass es im "Mergel" heute kaum noch Obstbäume gebe und die Biodiversität schon jetzt reduziert sei.

Daher lehnen die BUND-Ortsverbände Schriesheim und Dossenheim sowie der NABU Heidelberg die Flurneuordnungspläne zumindest auf dem Dossenheimer Teil des "Mergel"-Gebiets komplett ab, wie aus einer Presseerklärung hervorgeht, die sie am Tag nach dem Workshop verschicken: "Weil sie in erster Linie dazu dienen, einen Zugriff auf noch nicht für den Weinbau erschlossene Grundstücke vor Ort zu ermöglichen." Die Rebflurbereinigung im Schriesheimer "Kuhberg" habe Befürchtungen ja schon bestätigt: Die ökologische Aufwertung bleibe aus, und die Verschlechterungen im Vogelschutzgebiet würden bei weitem überwiegen. Dagegen sagt Winzer Grüber: "Der Kuhberg sieht doch immer noch ordentlich aus!" Ebenso wie das ganze Verfahren dürfte diese Debatte noch am Anfang stehen.

Zu Beginn des Workshops geht es um die Analyse des Weinbaus im "Mergel". Schlesingers Mitarbeiter, Frank Holtmann, den sie noch vom Kuhberg-Verfahren kennen, moderiert. Weinbauberater Tim Ochßner vom Karlsruher Landratsamt hält die mittleren Weinlagen im Plangebiet für vorzüglich, oberhalb in Richtung Wald sei ein Bewässerungssystem ratsam, unterhalb herrsche Frostgefahr. Das Stichwort "Windschutz" fällt. Lange wird über die Wege gesprochen. Diese seien lebensgefährlich, zu schmal und würden bei Regen oft ausgespült, so Winzer Max Jäck. Rettungswege würden ganz fehlen. Ein Sicherheitskonzept wird eingefordert. Für Hauptwege wollen die Winzer eine Breite von drei Metern, für Nebenwege 2,5 Meter. Sie fordern zudem weitere Kurvenradien und eine verbesserte Wasserableitung. "Aber wir wollen hier keine Mountainbike-Strecken", mahnt Grüber. Holtmann sagt, sicher sei eine Beschilderung nötig - auch weil bessere Wege mehr Autoverkehr anziehen würden. Bielig regt einen befestigten und einen unbefestigten Zugangsweg pro Grundstück an und warnt vor den Wegen in Falllinie - eine Gefahr bei starkem Regen. Ochßner rät zu diagonal zum Hang angeordneten Wegführungen.

Dann die Topografie und der Grundstückszuschnitt: Den Hang komplett umzukrempeln, sei nicht nötig, so Bielig. Aber kleine Wingerte seien für die maschinelle Bewirtschaftung hinderlich. Ein Bereich für "Kleinwinzer" wird angeregt. Hier hakt O’Connor ein: "Viele haben Angst, ihre kleinen Grundstücke zu verlieren." Schlesinger hält dagegen, dass man aber auch "wirtschaftliche Strukturen" brauche. Also größere Einheiten, die möglichst grade voneinander abzugrenzen sind. Außerdem wird von Ochßner ein 30 Meter breiter Schutzstreifen mit "Heckenstruktur" zwischen Weinbergen und Wohnbebauung vorgeschlagen. Mit Blick auf den Naturschutz weist er auf die Sorgen der Winzer bei der Rebpflege hin: "Sie wissen nicht, was sie dürfen und was nicht." Ein Nutzungskonzept müsse Rechtssicherheit bringen, so die Forderung.

Zahlreiche Anregungen gibt es auch für die touristische Aufwertung des "Mergel"; und die Wege spielen hier ebenfalls eine Rolle: Die mangelhafte Vernetzung zwischen Wald und Weinbergen wird moniert, ferner könne man den Verlauf des "Blütenwegs" verbessern. Wanderwege würden zudem über Privateigentum führen. Abgesehen davon fehle eine Beschilderung. Bänke, ein Pavillon und die Infrastruktur für die Weinwanderungen werden als weitere Stichworte festgehalten. Schlesinger warnt davor, die Einrichtung eines "Wohnmobilparks" im Schriesheimer Gewerbegebiet gleich wieder zu verwerfen. Auf Winzerhöfen in der Pfalz gebe es diese längst. Ebenso wie den Weinverkauf auch am Sonntag direkt im Weinberg: "Hier bei Ihnen vermisse ich solche Stände", so Schlesinger.

Grundsätzlich weist der Amtsleiter darauf hin, dass Gebiete durch Flurneuordnungen für den Tourismus attraktiver würden. Das habe eine Studie des Landwirtschaftsministeriums "empirisch bewiesen". Die Naturschützer bleiben auch hier skeptisch. Immerhin versuchen sie an diesem Abend, eine Brücke zu den Winzern zu bauen: "Bio-Wein aus dem Vogelschutzgebiet" sei auch eine Vermarktungschance, so O’Connor.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung