11.07.2016

Interesse an Einbürgerung wächst nach "Brexit"-Referendum

150 telefonische Beratungsgespräche mit interessierten Briten geführt - Unsicherheit über zukünftige Aufenthaltsregelungen groß

Von Frederick Mersi

Schriesheim/Mühlhausen. Soll sie oder soll sie nicht? Lynn Schoene zögert kurz. Immerhin geht es um ihre Staatsbürgerschaft und damit um ihre englischen Wurzeln. Eine ihrer Freundinnen in Heidelberg will es tun, sie selbst hat sich bisher noch nicht länger damit beschäftigt. "Das muss ich mir überlegen, aber warum nicht?", sagt sie. Schließlich entscheiden sich seit dem Referendum für den "Brexit" immer mehr in Deutschland lebende Briten dafür, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen.

Besonders deutlich ist der Anstieg in Heidelberg: Etwa 150 telefonische Beratungsgespräche hat die Stadtverwaltung mit interessierten Briten geführt. 15 Anträge wurden bisher eingereicht. "Einige wurden sogar bereits positiv beschieden", sagt Sprecherin Christiane Calis. In Heidelberg sind aktuell 835 Briten gemeldet, fast jeder fünfte interessiert sich demnach für eine Einbürgerung. "Das ist schon relativ beeindruckend", findet Calis.

Täglich drei bis vier Anfragen

In Mannheim gingen seit dem Referendum pro Tag drei bis vier Anfragen britischer Staatsangehöriger zur Einbürgerung ein, berichtet Sprecherin Carmen Schucker. In diesem Jahr habe es bisher zehn Anträge aus den Reihen der 827 dort gemeldeten Briten gegeben. In den drei Jahren zuvor waren es insgesamt gerade einmal vier.

Auch im Rhein-Neckar-Kreis steigt das Interesse: Seit dem "Brexit"-Referendum sind dort zehn Anträge von britischen Einwohnern auf deutsche Staatsbürgerschaft eingegangen, sagt Sprecherin Silke Hartmann. Insgesamt sind 600 Briten im Rhein-Neckar-Kreis gemeldet. Im Neckar-Odenwald-Kreis, wo 92 Menschen britischer Herkunft leben, gab es fünf Anfragen. Zwei Interessierte ließen sich Formulare zusenden.

"Vielleicht geht man ja nicht so weit, dass es irgendwann Grenzkontrollen gibt", hofft die Schriesheimerin Schoene, die seit 1997 das dortige Museum Théo Kerg leitet. Das Referendum ihrer Landsleute war für sie ein Schock, gerechnet hatte sie mit diesem Ergebnis nicht. Trotzdem will sie erst einmal abwarten, wie sich die Situation entwickelt. In ihrem Freundeskreis ist die Einbürgerung schon Thema. Sie selbst, nördlich von London in Luton geboren, zögert da noch.

Keine Gedanken darüber macht sich Donald Angus McPhee. Er hat seine schottische Herkunft zum Beruf gemacht und betreibt in Mühlhausen nahe Wiesloch, einen Laden für Kilts, Dudelsäcke, Flaggen, Trommeln und alles, wofür sein Herkunftsland sonst noch so bekannt ist. Seinen britischen Pass abzugeben, kann er sich nicht vorstellen. "Das ist eine völlige Überreaktion", findet er. Er gehe davon aus, dass er hier weiterhin willkommen sei.

Außerdem habe er schon vor der Freizügigkeit innerhalb der EU eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bekommen. Ob er sich darauf verlassen kann, weiß er allerdings nicht. "Kann das Amt diese Erlaubnis dann einfach wieder zurücknehmen?", fragt er sich. Und Großbritannien überlege ja immerhin, eine Regelung zu schaffen, damit die dortigen EU-Ausländer das Land nicht verlassen müssten. Deshalb hofft McPhee, dass Deutschland dies ebenfalls für Briten tun wird. Ob es ein Szenario gibt, unter dem er über Einbürgerung nachdenken würde? "Nein, das würde ich nicht tun", sagt der leidenschaftliche Dudelsackspieler bestimmt.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung