15.07.2016

Rechnet sich ein Bestattungswald in Schriesheim?

Heidelberg ist von dem Standort nicht überzeugt - Dudenhofen, Michelstadt und Reichartshausen machen gute Erfahrungen mit naturnahen Beerdigungsangeboten
Von Frederick Mersi

Schriesheim. Geht es nach der Verwaltung, so wird das forstliche Beratungsunternehmen Unique aus Freiburg ein Bodengutachten samt Wirtschaftlichkeitsberechnung für einen Bestattungswald auf Schriesheimer Gemarkung erarbeiten. Kostenpunkt: knapp 16 000 Euro. Dem Gemeinderat liegt am nächsten Mittwoch in der letzten Sitzung vor der Sommerpause ein entsprechender Beschluss zur Abstimmung vor.

In Schriesheims unmittelbarer Umgebung gibt es keine Bestattungswälder. Die am nahesten gelegenen Orte für diese Bestattungsart sind Reichartshausen bei Neckarsteinach, Dudenhofen in der Pfalz und die südhessische Gemeinde Michelstadt. Diese Kommunen nutzen unterschiedliche Betreibermodelle - doch alle rechnen sich.

In Dudenhofen und Michelstadt ist die Friedwald GmbH der Betreiber der Bestattungswälder. Die Verträge handelt das Unternehmen mit den Gemeinden und den Grundstücksbesitzern aus. Allgemein festgelegte Anteile an Kosten und Gewinnen gebe es daher nicht, sagt Corinna Brod, Sprecherin der Friedwald GmbH.

"Michelstadt und Dudenhofen sind beides Standorte, die sehr gut laufen", so Brod. Auch vonseiten der Gemeinden kommen keine Beschwerden. Dudenhofens Ortsbürgermeister Peter Eberhard sagt: "Wir haben gute Erfahrungen mit der Friedwald GmbH gemacht. Finanziell kommt immer ein gutes Plus raus." Der im Jahr 2008 eröffnete Bestattungswald ist mit etwa 54 Hektar allerdings auch um ein Vielfaches größer als die in Schriesheim zur Diskussion stehende Fläche.

Noch größer ist das Gelände in Michelstadt: Dort wurde auf mehr als 70 Hektar ein Bestattungswald in der Nähe eines Flugplatzes eingerichtet. Die Einnahmen gehen zu je einem Drittel an die Friedwald GmbH, die Waldbesitzer und den kommunalen Träger. Der Rückgang von Einnahmen des normalen Friedhofs sei "fast nicht messbar", sagt Sabine Kaffenberger vom Michelstädter Ordnungsamt. Man müsse das Bestattungswesen im Ort als ein Ganzes betrachten. Widerstände gegen den bereits 2002 eingerichteten Bestattungswald habe es nicht gegeben: "Auch von den Kirchen wurde das angenommen."

Dass das in Schriesheim nutzbare Waldgelände deutlich kleiner wäre, sei nicht unbedingt problematisch, sagt Friedwald-Sprecherin Brod. "Wir haben auch Standorte mit nur sechs Hektar Fläche." Wichtig seien vor allem ein gesunder Laub- oder Mischwald sowie Wanderwege und Parkplätze. Begehbar muss das Areal ebenfalls sein: "Wenn es nur steile Stellen gibt, ist die Fläche nicht geeignet", so Brod. Nach Schriesheim als Standort gefragt, gibt sich Brod optimistisch: "Ich denke, das ist ein sehr guter Standort. Dort ist auf jeden Fall noch Bedarf."

Ein anderes Modell verfolgt die Gemeinde Reichartshausen: Dort gibt es seit dem Jahr 2008 einen "Ruhehain", der eher einem Park als einem Wald ähnelt. 2,5 Hektar umfasst das Gelände seit einer Erweiterung im Jahr 2013. "Wir haben Anfragen für Bestattungen von München bis Hamburg. Es ist der Wahnsinn, wie das angenommen wird", sagt Birgit Martinovic von der Gemeindeverwaltung.

Der Ruhehain gehört der Gemeinde Reichartshausen selbst und wird von ihr in Eigenregie unterhalten. Auch hier gibt es bei einem Höhenunterschied von bis zu 300 Metern steilere Teile im Gelände, sagt Martinovic. "Das kann für ältere Menschen schon ein bisschen anstrengend sein." Trotzdem gebe es fast täglich neue Anfragen und Reservierungen.

Dementsprechend lukrativ ist der Ruhehain für die Kommune. Am Ende des vergangenen Jahres stand ein Gewinn von rund 220 000 Euro, 2014 gar ein Überschuss von etwa 356 000 Euro. Beim herkömmlichen Friedhof müsse die Gemeinde dagegen jetzt mehr Geld zuschießen als zuvor, gibt Gunter Jungmann vom Reichartshausener Rechnungsamt zu: "Der Friedhof war aber schon seit langer Zeit defizitär."

Naturnahe Bestattungen bietet auch die Stadt Heidelberg an: auf dem Bergfriedhof und seit 2007 auch in Ziegelhausen und in Handschuhsheim. "Wir wollten den Bürgern die Gelegenheit geben, das ortsnah zu machen", so Norbert Hornig, Betriebsleiter der städtischen Friedhöfe. Es gebe einfach eine Veränderung in der Bestattungskultur. "Wir haben gemerkt: Moment mal, da ist ja Bewegung. Die laufen uns davon." Bis zu 200 naturnahe Beisetzungen habe es seit 2007 allein auf dem Bergfriedhof gegeben. Den größten Vorteil gegenüber anderen Standorten sieht Hornig in der bestehenden Infrastruktur: "Die Wege, die gemacht sind, die Sanitäranlagen: Das ist unser großes Pfund."

Von einem Bestattungswald in Schriesheim hält Hornig wenig: "Ich war bei der Infoveranstaltung dabei. Wir haben bereits davon abgeraten." Angehörige mit Rollatoren könnten auf dem zur Diskussion stehenden Gelände nicht an die Urnen gelangen. Außerdem trage die Kommune bei Unfällen das Risiko: "Wenn jemandem ein Ast auf den Kopf fällt, haftet die Stadt Schriesheim." Ebenso stellt Hornig in Frage, ob sich ein Bestattungswald finanziell rechnen würde: "Da stand die Zahl von 200 Bestattungen pro Jahr im Raum. Von einer solchen Prognose halte ich nichts."

Ganz anders als die Grünen, die für Schriesheim einen Bestattungswald angeregt und beantragt haben, sind die Freien Wähler strikt dagegen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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