25.08.2016

Für Ali Raza Ranjha ist Schriesheim "ein bisschen wie Pakistan"

Der Pakistani fühlt sich in Schriesheim wohl, zieht zur Ausbildung aber nach Bayern.

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Wie kann Integration in Schriesheim funktionieren? Die RNZ stellt Flüchtlinge vor, die kurz vor ihrer ersten Arbeitsstelle in Deutschland stehen.

Cappuccino, Latte Macchiato, heiße Schokolade - Ali Raza Ranjha kann sie zubereiten. Nicht nur schnell, sondern auch gut. Das stellt er im Begegnungszentrum "mittendrin" als ehrenamtlicher Helfer hinter der Theke regelmäßig unter Beweis.

Langeweile scheint für den 22 Jahre alten Pakistani ein Fremdwort zu sein. Nicht weil er diese Vokabel noch nicht gelernt hat, sondern weil er seine freie Zeit stets nutzt, um in Kontakt mit anderen zu treten. Im Januar zog er als Flüchtling von Wertheim nach Schriesheim in die Carl-Benz-Straße. Innerhalb eines halben Jahres ist die Weinstadt für ihn zur Heimat geworden - "ein bisschen wie Pakistan", sagt er.

Sein Deutsch hat sich in den vergangenen sechs Monaten enorm verbessert, das B1-Level hat er bereits erreicht. "Beim Test in der Volkshochschule lag ich nur knapp unter B2. Das will ich auch noch schaffen", sagt er. Neben seinem Eifer beim Selbststudium half ihm auch, dass er immer wieder ganz bewusst viel Zeit mit Schriesheimern verbrachte: "Im Deutschunterricht konnte ich nicht gut genug lernen."

Eigentlich ist er Muslim, hat aber dennoch keine Scheu davor, an Veranstaltungen der Evangelischen Kirchengemeinde teilzunehmen. Regelmäßig besucht er den Jugendkreis "Underground" für Jugendliche ab 16 Jahren: "Man kann dort lernen, was Jesus sagt. Alle Menschen, egal welcher Religion, müssen zusammenhalten." Ein Leben ohne Religion sei auch ein Leben ohne Sinn, sagt er.

Bald steht jedoch der Abschied aus Schriesheim bevor: Am 1. September beginnt Ranjhas eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker in Erlenbach nahe Wertheim. Dort hatte er bei einem Mercedes-Autohaus einen guten Eindruck hinterlassen, bevor er nach Schriesheim umziehen musste. Kein Wunder, denn schon im Alter von elf Jahren begann Ranjha in einer Autowerkstatt in Karachi zu arbeiten.

Der Abschied aus der Weinstadt wird ihm nicht leichtfallen. "Ich werde meine Freunde hier vermissen und meine Kollegen im ’mittendrin’. Das ist für mich sehr schwierig", gibt er zu. Dennoch freue er sich auf seine neue Aufgabe, die ihm in Deutschland neue Perspektiven eröffnet.

Dass dies überhaupt möglich wurde, lag am beharrlichen Einsatz seiner Paten Gabi und Martin Uhl und dem Besitzer des Erlenbacher Autohauses, Erwin Partes. Der bot ihm nicht nur einen Ausbildungsplatz an und kämpfte sich durch den damit verbundenen bürokratischen Dschungel, sondern stellte dem neuen Azubi auch gleich noch eine Wohnung in Aussicht.

Diese liegt nur wenige Meter vom Autohaus entfernt, was auch Probleme mit sich brachte."Dann wäre mein Wohnsitz in Bayern. Ich müsste dafür wieder einen Antrag ausfüllen", berichtet Ranjha. Am Ende musste er seinen offiziellen Wohnsitz in Schriesheim behalten, um seine Ausbildung antreten zu können. Am Wochenende wird er daher regelmäßig an die Bergstraße zurückkehren.

Sechs Monate lang sprach er immer wieder mit den Sozialarbeitern, bevor er schließlich seinen Ausbildungsvertrag beim Landratsamt unterzeichnen konnte. "Jetzt freue ich mich auf die Arbeit", sagt er. Und auf die Wochenendbesuche in Schriesheim, seiner neuen Heimat.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung