27.09.2016

Schriesheim: Sonderausstellung "Déjà-Vu" des Videokünstlers Fritz Stier eröffnet

Das Blut floss nur im Kopf - Sonderausstellung im Museum Théo Kerg

"Assoziationen zu Foltermethoden": Die Kunsthistorikerin Maria Lucia Weigel (r.) führte in das Werk von Fritz Stier (3. v. r.) ein. Foto: Dorn

Schriesheim. (sk) Zwei nackte Menschen hängen kopfüber von der Decke; erbarmungslos ausgeleuchtet von grellen Strahlern, drehen sich ihre Körper langsam im Kreis: Es ist einer der ersten Eindrücke von der Sonderausstellung, die gestern im Museum Théo Kerg eröffnet wurde. "Rotes Rauschen" heißt die Installation des Videokünstlers Fritz Stier, die in meditativem Schweigen abläuft. Der Name leitet sich ab vom weißen Rauschen, einer atmosphärischen Störung, und wird assoziiert mit dem Blut, das den hängenden Menschen langsam in den Kopf fließt. Dieses Blut ist aber auch das einzige, das fließt; tatsächlich passiert nichts weiter, als dass die Körper still in einer Endlosschleife pendeln.

Man geht schweigend durch den Raum und lässt die Filme, die überall auf dunkle Metallplatten projiziert werden, auf sich wirken. Draußen im Hof versammeln sich derweil die Vernissage-Gäste; ein schöner Spätsommertag kündigt sich an. "Wir haben Glück mit dem Wetter", bemerkt Bürgermeister Hansjörg Höfer. Auch er steht noch unter dem Eindruck des eben Gesehenen und findet: "Es ist keine leichte Ausstellung", hofft aber, dass sie Stoff für gute Gespräche bietet.

Seit längerem habe sie versucht, Stier für eine Sonderausstellung zu gewinnen, sagt Kuratorin Lynn Schoene. Eine Woche der Vorbereitungen liegt hinter ihr, in der die technisch aufwendigen Installationen im Museum gehängt und angeschlossen wurden. Schon vor über 40 Jahren, als das Medium Videofilm noch neu war, habe sich Fritz Stier damit auseinander gesetzt, nimmt Kunsthistorikerin Maria Lucia Weigel den Faden auf: Bis heute halte es ihn in seinem Bann, spreche er von "bewegter Malerei".

Mit Highspeed-Kameratechnik werden schnelle Bewegungen aufgenommen und in verändertem Tempo wiedergegeben wie in dem Film von der "Schlangenfrau": Die Artistin bewegt sich in der Schwarz-Weiß-Aufnahme so langsam, dass man eine Weile hinsehen muss, um zu begreifen, dass man kein Standbild vor sich hat. "Dabei haben seine Arbeiten keine wirkliche Botschaft", bemerkt Weigel. Die Bilder würden im Kopf des Betrachters entstehen und sich verdichten. So stellen sich bei ihr "Assoziationen zu Foltermethoden" ein, als sie die beiden aufgehängten Nackten sieht, "wie Schlachtvieh zum Ausweiden bereitgestellt".

Auch die übergroßen Aufnahmen zweier Köpfe können alles oder nichts bedeuten. Ein "Film" wird daraus durch die beiden Pistolen, die auf zwei anderen Bildträgern auf die Gesichter zielen. Im Moment des Abdrückens beginnen die Menschen zu lächeln. "Bodhi", Erleuchtung, heißt die Arbeit, über die Weigel sagt: "Das Erwartete kehrt sich in sein Gegenteil." Der Buddhismus habe Pate gestanden, der Moment der Erkenntnis, wenn der Mensch aus dem "Dämmerschlaf der Unwissenheit" erwache. Auch die jüngste Arbeit, "Déjà-Vu", nach der die Ausstellung benannt ist, hat Bezüge zu der fernöstlichen Religion.

Man sieht zwei Kinder, jedes auf einem Bildschirm, die einander gegenüber sitzen und sich schweigend betrachten. "Eine Situation, die so nie stattfinden würde, auch nicht bei Erwachsenen", sagt der Künstler selbst. Er denkt an die Zuschreibungen von Unschuld, Unbedarftheit, daran, dass Kinder noch nicht so sehr den gesellschaftlichen Normen unterliegen, so dass sich alles auf den Moment des Kennens, Wiedererkennens und Wahrnehmens konzentriere: "Ich arbeite gerne in den Grenzbereichen menschlichen Daseins."

Info: Die Ausstellung "Déjà-Vu" ist bis einschließlich 30. Oktober zu sehen. Am Samstag, 22. Oktober, um 15 Uhr bietet das Museum eine Führung an.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung