01.11.2016

Die alten Sparkassenkunden sind sauer

Sparkassen-Schließungen trifft in den Ortsteilen auf wenig Verständnis: Die RNZ hat sich in Altenbach, Sulzbach und Oberflockenbach umgehört

Von Frederick Mersi und Philipp Weber

Schriesheim/Weinheim. "Naja, mich fragt ja sowieso keiner", sagt die 65-Jährige mit einer Mischung aus Wut und Resignation, "es wird halt überall nur wegrationalisiert." Die Altenbacherin ist Kundin der Sparkasse Rhein Neckar Nord - die bis Juli 2017 ihre Filiale im Schriesheimer Ortsteil schließen wird. "Ich war eigens zur Sparkasse gegangen, weil die hier vor Ort war", erinnert sie sich. Wie oft sie zur Filiale geht? "Immer wenn ich Geld brauche", sagt sie und lacht. Einmal den Berg runterlaufen und wieder hoch, das schaffe sie auch im Alter noch - aber jedes Mal zur nächsten Filiale nach Schriesheim? "Da muss ich wohl das Taxi nehmen", sagt sie.

Ein anderer Kunde trägt die Nachricht der Schließung mit Fassung: "In der Nullzinsphase ist so etwas halt ein Kostenfaktor. Das ist sehr bedauerlich, aber was will man machen?". Er werde seine Bankgeschäfte beim Einkaufen in Schriesheim erledigen müssen: "Aber gerade für eine strukturschwache Region wie hier ist das ärgerlich." Ob zumindest die "SB-Services" wie ein Geldautomat und ein Drucker für Kontoauszüge erhalten bleiben, ist ebenfalls unklar. "Falls an dem Standort keine eigene Lösung möglich ist, werden wir versuchen, Partner vor Ort zu gewinnen", sagt Erich Rathgeber, Sprecher der Sparkasse Rhein Neckar Nord. Auch Weinheims Oberbürgermeister Heiner Bernhard hat im RNZ-Gespräch angedeutet, dass er Kooperationen vor Ort begrüßen würde. In Weinheim sind die Sparkassen-Zweigstellen in Oberflockenbach, Sulzbach und in der Königsberger Straße betroffen.

In Bezirken wie Schriesheim-Altenbach oder Weinheim-Sulzbach drängt sich allerdings die Frage auf, welches Geschäft überhaupt noch als "Partner vor Ort" infrage kommt. So viele Betriebe gibt es dort nicht mehr, mit denen eine Kooperation möglich wäre. "Wir haben keinen Lebensmittelladen, keinen Metzger und keine Apotheke mehr", sagt ein 62 Jahre alter Mann im Gespräch mit dieser Zeitung, direkt vor der Tür der Sulzbacher Sparkasse; selbst die Bäckereifiliale habe nur noch in den Vormittagsstunden offen. Bleibt noch das Geschäft für Arbeits- und Schutzbekleidung schräg gegenüber. Dessen Besitzer pflegt allerdings schon eine Zusammenarbeit mit der Deutschen Post.

Auch andere Sulzbacher lassen sich nicht lange um eine Einschätzung der Lage bitten: Die Ausdrücke "Sauerei", "Zumutung" und "Unverschämtheit" sind noch die harmlosesten. Offenbar nehmen sie den Weggang ihrer Sparkasse persönlich: Ist die doch die einzige Bank im Ortsteil, viele hier sind seit Kindheitstagen Sparkassenkunden. Eine 62-Jährige will nun Konsequenzen ziehen: "Wenn ich mein Geld sowieso in der Kernstadt holen muss, wechsle ich gleich zur Volksbank", sagt sie.

Auch im Oberflockenbacher Ortsmittelpunkt ist die Stimmung mau: "Ich finde das furchtbar", sagt eine 71-Jährige, die aus dem Nachbarbezirk Steinklingen an die Großsachsener Straße gekommen ist: "Ich kenne die Angestellten persönlich, besser hätte mich niemand beraten können." Auch für die Gewerbetreibenden im Ort sei der Abzug der Sparkasse ein Problem. "Ich bin kein Sparkassenkunde und sehe ein, dass sich die Geldinstitute kaum noch finanzieren können", sagt ein 63-Jähriger, der vor dem Oberflockenbacher Edekamarkt geparkt hat: "Für die älter werdende Gesellschaft hätte ich mir den Erhalt der Filiale aber gewünscht."

Die derzeitige Unklarheit belaste die Kunden, heißt es auch im Umfeld der Sparkasse Rhein Neckar Nord. "Es ist einfach schwierig, dass man noch nicht weiß, was in den Ortsteilen und Stadtbezirken bleibt", sagt eine Mitarbeiterin, "manche Kunden haben auch schon gefragt, ob ihre Filiale schon zum Jahresende geschlossen wird." Grundsätzlich gebe es aber auch Verständnis für die Umstrukturierung.

Der Sparkasse in Oberflockenbach wird schon heute nachgetrauert. Foto: Dorn

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung