10.11.2016

Eine Spurensuche nach dem Schriesheimer Bergwerk "Nigra"

Eine Spurensuche nach dem Schriesheimer Bergwerk "Nigra"Als das Bergbauunternehmen Alba im Schriesheimer Tal Bodenschätze heben wollte

Mit diesem Brief vom 23. Januar 1936 an das Badische Bergamt Karlsruhe beantragte die Gewerkschaft Alba die Verleihung des Bergwerkseigentums unter anderem auf Schwefel und Arsen. Repro: rnz/Quelle: Baden-Württembergisches Landesmuseum Freiburg

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Viele Gärten in der Talstraße werden vom steil aufragenden Hang des Branich begrenzt. 1935, vielleicht auch früher, machte eine Anwohnerin einen merkwürdigen Fund: Spuren fremdartiger Stoffe im verwitterten Erz an der Oberfläche des Gesteins. Sie muss sie wohl jemandem gezeigt haben, der etwas von der Sache verstand. Und irgendwie kam der Kontakt zu dem Kölner Unternehmer August Herdieckerhoff zustande, der mit einer "Gewerkschaft" namens Alba, einer historischen Unternehmensform im Bergbau, Bodenschätze zu Tage fördern wollte.

Wie sich das im Einzelnen abspielte, weiß man nicht. Jedenfalls reichte Herdieckerhoff am 23. Januar 1936 beim Badischen Bergamt Karlsruhe eine "Mutung" ein, mit der die Genehmigung zum Bergbau beantragt wurde. Der ganze Vorgang wäre wohl in Vergessenheit geraten, wenn nicht später ein Eintrag ins Grundbuch erfolgt wäre. Er veranlasste die RNZ, in der Sache weiter zu forschen.

Und tatsächlich wurde im Bergamt Karlsruhe eine Akte angelegt, die heute zum Bestand des Baden-Württembergischen Landesmuseums Freiburg gehört. Darin beschrieb der Antragsteller eingehend den Fundort: "In Schriesheim an der Bergstr., im Ludwigstal, hinter dem Hause Talstraße 14 der daselbst wohnenden Wwe. Bosch, etwa 15 mtr. östlich des Feldweges, der nach Schauinsland führt, befindet sich ein Gang von etwa 30 cm Mächtigkeit, der in die Teufe niedersetzt und sich keilförmig nach der Teufe zu erbreitert." Fachleute vermuteten dort Vorkommen von Schwefel und Arsen. Ihr Abbau wurde beantragt sowie der von "beibrechenden Mineralien", also solchen, die dabei anfallen.

Die Förderung sollte "in einem Geviertfelde von 2 Millionen Quadratmetern" erfolgen. Das klingt recht verwegen, doch der Unternehmer ging noch weiter: Er vermutete einen Zusammenhang mit anderen "Vorkommen gleicher Art in der weiteren Umgebung von Schriesheim". Ihm war bekannt, dass es vor Ort früher ein "Eisenerzwerk" gab. Sein Bergwerk sollte "Nigra" heißen, was sich vom lateinischen Wort für "Schwarz" ableitete - offenbar als Kontrast zu "Alba" (vom lateinischen Wort für weiß).

Beim Bergamt war man nicht abgeneigt; im März wurde der Grundbucheintrag vorgenommen, Anfang April fand eine "Tagfahrt" zum Fundort statt, an der ein Behördenvertreter, der Schriesheimer Betriebsführer Wilhelm Wenzelburger, ein Bergwerksingenieur und der Antragsteller teilnahmen. Die Hausnummern von damals weichen übrigens von der heutigen Nummerierung ab; die Witwe wohnte vermutlich in der Nähe der Grube Anna Elisabeth. In ihrem Garten ging es zum "Eisernen Hut", als den Herdieckerhoff die Fundstelle bezeichnet hatte: eine Verwitterungszone, in der sich Metalle angereichert haben.

Am 9. April wurde das Protokoll dieses Tages geschrieben: Nun erfährt man, dass die Granitwand "unmittelbar hinter dem Hause (gegenüber der Haustür) der Wwe. Bosch" lag. Schwefel- und Arsenerze würden dort zu Tage treten. Sichtbar sei außerdem "ein Erzkeil" von 60 Zentimetern Breite, einen Meter überm Erdboden "auskeilend". Es wurden Erzproben genommen, die an die Chemisch-Technische Prüfungs- und Versuchsanstalt der Technischen Hochschule Karlsruhe geschickt wurden.

Am 30. April lag ein Ergebnis vor, das die Bergleute ziemlich ernüchtert haben dürfte: Gerade mal 0,69 Prozent Schwefel waren enthalten und 0,87 Prozent Arsen. Die Geschichte des Bergwerks "Nigra" endete somit, bevor sie wirklich begann. Denn schon am 30. Mai 1936 wies das Bergamt den Antrag zurück. Begründung: Die Analyse habe einen "für die technische Verwertung unzureichenden Schwefel- und Arsengehalt" ergeben. Die Akte war damit geschlossen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung