15.11.2016

VdK im Wandel: Mit "etwas Wärme" gegen die soziale Kälte

Der Schriesheimer VdK-Ortsverein ist ein Beispiel für den Wandel vom Kriegsopfer- zum Sozialverband

Von Carsten Blaue

Schriesheim. In Deutschland wird an diesem Sonntag an die Kriegstoten und an die Opfer von Gewaltherrschaft erinnert. In Städten und Gemeinden gibt es Feierstunden an diesem Gedenktag, der stets zwei Sonntage vor dem ersten Advent begangen wird. So ist es seit 1952. Und auch dieses Jahr werden Vertreter des Sozialverbands VdK überall im Land ihre Stimme gegen das Vergessen erheben und mehr soziale Gerechtigkeit einfordern. Auch in Schriesheim. Hier wird Wanda Straka an der Kriegsopfergedenkstätte sprechen. Sie ist seit vier Jahren die Vorsitzende des VdK-Ortsverbands, der vor 70 Jahren gegründet wurde. Heute wie damals ist der Ansporn der Ehrenamtlichen, Bedürftigen zu helfen. Waren es in den ersten Jahrzehnten die Hinterbliebenen von Gefallenen und Kriegsbeschädigten, so sind es heute vor allem Rentner, Arbeitslose, Pflegebedürftige und deren Familien, Menschen mit Behinderung und chronisch Kranke, die der Beratung und Unterstützung durch den VdK bedürfen. Der Verband werde künftig mehr denn je gebraucht, ist sich Straka sicher: "Ganz einfach, weil die Not vieler Menschen immer größer wird."

Gemeinsam mit ihrem elfköpfigen Vorstand sorgt sich Straka in Schriesheim für die rund 440 Mitglieder des Ortsverbands. Das seien Junge, Alte, Reiche und Arme: "Alle eben, die im Sozialrecht Hilfe brauchen. Das geht querbeet", so die Vorsitzende. Ihr jüngstes Mitglied sei zum Beispiel gerade mal drei Jahre alt - ein Kind mit Behinderung, dessen Eltern ebenfalls im VdK sind. Selbst in Weinheim, Mosbach, Wiesloch, Mauer, Ladenburg und sogar Göppingen wohnen Schriesheimer VdK-Mitglieder. Sie sind dem Verband nach dem Wegzug aus der Weinstadt treu geblieben. Oder besser gesagt: Sie brauchen die Hilfe des VdK noch immer.

Bis vor zwei Jahren boten Straka und ihre Mitstreiter ein Mal monatlich ihre Sozialsprechstunde an. Inzwischen gibt es stets zwei Termine. Darin geht es etwa um abgelehnte Reha-Maßnahmen, Unstimmigkeiten bei der Rente, kurzfristige Unterbringungen im Pflegeheim, Pflegegeld für Angehörige oder Fragen der Unfall- und Arbeitslosenversicherung. Als "echte Katastrophe" bezeichnet Straka ABER alle Fälle, in denen bezahlbarer Wohnraum eine Rolle spielt: "Arbeitslose finden nur schwer etwas, und wenn, dann ist es natürlich zu teuer. Und hier", zeigt sie auf einen Aushang an der Ladentür eines Schriesheimer Geschäfts, "das hier ist ein 70 Jahre alter Mann, der jetzt eine neue Wohnung suchen muss. Auch ein Mitglied von uns."

Der VdK gibt Bedürftigen eine Lobby und sucht in jedem Einzelfall nach Lösungen. Netzwerke und Kontaktpflege, etwa zu den Sozialämtern, ist da besonders wichtig: "Aber auch wir können nicht alle Ziele für unsere Mitglieder erreichen", so die Ortsvorsitzende: "Es gibt Gesetze, die Menschen einfach durch bestimmte Raster durchfallen lassen. Da können dann auch wir wenig ausrichten. Außerdem will der Staat manche Not gar nicht erkennen, weil er andere Prioritäten hat." Die Engagierten dürfen in ihrer Sprechstunde vor Ort nur informieren oder beim Ausfüllen von Formularen helfen. Geht es um eine Sozialrechtsberatung, so ist es Aufgabe der Ehrenamtlichen vor Ort, diese Klienten an die angestellten Rechtsanwälte des VdK in der Region zu verweisen.

Die ganzen neuen Aufgaben des Verbands, sagt Straka, hätten sich in den vergangenen 20 Jahren einfach entwickelt: "Die Kriegerwitwen sterben eben aus, und es gibt immer weniger Hinterbliebene oder Kriegsversehrte." Was sich aber nie geändert hat, ist der Wille zur gegenseitigen Unterstützung.

"Der VdK wurde hier in der Stadt am 30. März 1946 gegründet. Von einer Handvoll Schriesheimern, die sich gesagt haben, dass jetzt was passieren muss", erzählt Straka: "Es fehlte nach dem Krieg ja so viel. Also half einer dem anderen in den Weinbergen oder auf dem Feld und bekam dafür zwei Säcke Kartoffeln. Oder man half sich gegenseitig beim Hausbau. So fing es an." Straka selbst kam zum VdK, nachdem die Heidelberger Firma, bei der sie 26 Jahre lang gearbeitet hatte, abgewickelt worden war. Hier war sie als Betriebsrätin auch Ansprechpartnerin für Schwerbehinderte gewesen: "Und in diesem Bereich wollte ich weiterarbeiten."

Neben den ganzen Sozialrechtsfragen ist Straka wichtig, den Mitgliedern das Gefühl zu geben, dass da jemand ist, der sich um sie sorgt. Trauer- und Krankenbesuche gehören daher ebenso dazu, wie persönliche Glückwünsche zu runden Geburtstagen. Der VdK bietet in Schriesheim regelmäßig ein gemeinsames Kaffeetrinken an und sogar Ausflüge bis hin zu Mehrtagesfahrten: "Die soziale Kälte in unserem Land nimmt zu, ganz klar", sagt Straka: "Wir versuchen, dem etwas Wärme entgegenzusetzen."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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