10.02.2017

Schriesheimer Mathaisemarkt: Einzug der Weinhoheiten ohne Wunderkerzen

Feuergefahr und giftiger Rauch: Die "Sternspritzer" sind im Festzelt künftig nicht mehr erlaubt - Morast: "Eine Sicherheitsverbesserung"

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Es gibt Wunderkerzen in verschiedenen Längen. 30 Zentimeter kurz ist die handlichste Variante. Zündet man sie an, dann versprüht sie Funken und sorgt je nach Art des verarbeiteten Metallpulvers für weiße oder orangefarbene Effekte. Beim Krönungsabend des Mathaisemarkts wurden immer Hunderte an die Festzeltbesucher verteilt, die sie dann zum Einzug der neuen Weinhoheiten in die Höhe hielten und schwenkten. Dieses Funkenmeer im abgedunkelten Zelt, es war für die noch ungekrönten Häupter auf der Bühne stets ein atemberaubender, unvergesslicher Anblick. Es wird ihn nicht mehr geben.

Das Ordnungsamt hat das Abbrennen der "Sternspritzer" untersagt. Die Grundlage für diese Entscheidung stammt schon aus dem Januar des Jahres 2014. Seinerzeit hat die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) eine 61 Seiten starke Information mit dem Titel "Sicherheit bei Veranstaltungen und Produktionen - Pyrotechnik, Nebel und andere szenische Effekte" herausgegeben. Darin steht gleich zu Beginn des Kapitels über "feuergefährliche Vorgänge", dass offenes Feuer in Versammlungsstätten "grundsätzlich verboten" sei.
Nun gehören Festzelte (übrigens ebenso wie Fahrgeschäfte) nicht zu den Versammlungsstätten, sondern zu den "fliegenden Bauten". Im Behördendeutsch sind das "bauliche Anlagen, die dazu geeignet und bestimmt sind, wiederholt aufgestellt und abgebaut zu werden". Aber, so Dominik Morast aus dem Schriesheimer Ordnungsamt: "Wir sehen hier eine besondere Ähnlichkeit zwischen dem Festzelt und einer Versammlungsstätte und wollen die Gefährdung nicht einfach ausblenden." Schließlich gebe es auch im Hamel-Zelt des Mathaisemarkts eine Bühne. Und es würden sich auch immer viele Menschen darin aufhalten: "Für uns stellt sich hier also ein Sachverhalt wie in einer Versammlungsstätte dar, den wir daher ebenso bewerten", so Morast. Nach dieser Auslegung lohnt sich also das Weiterlesen in der DGUV-Info. Ein Passus auf Seite 14 bedeutet das Ende der Wunderkerzen im Mathaisemarkt-Festzelt. Nicht nur wegen der Feuergefahr, sondern auch, weil sie giftig sind. Wörtlich heißt es hier: "Vom Publikum dürfen feuergefährliche Handlungen im Zuschauerbereich auf Grund der großen Personendichte grundsätzlich nicht durchgeführt werden, weil eine sicherheitsbewusste Verwendung feuergefährlicher Effekte durch das Publikum nicht vorausgesetzt werden kann."

Präzisierend wird erläutert: "Zu feuergefährlichen Handlungen gehören in erster Linie das Abbrennen von Zündhölzern und Wunderkerzen sowie das Aufflammen von Feuerzeugen. Wunderkerzen brennen sehr heiß ab, versprühen Funken, haben toxische Anteile im Rauch und lassen sich nur schlecht löschen - diese Eigenschaften bilden eine unzulässige Gefährdung."

Nach Angaben der Umweltberatung Bremen enthalten Wunderkerzen Bariumnitrat, das beim Abbrennen Stickoxide sowie Kohlenmonoxid bildet. Deren Konzentration sei bei größerer Anzahl der abgebrannten "Sternspritzer" gesundheitlich bedenklich. Sie im Festzelt zu verbieten, sei eine "Sicherheitsverbesserung", so Morast: "Und die streben wir immer an." Mit dem "Krönungsteam", also den Machern des Eröffnungsabends, habe man schon gesprochen.

Bürgermeister Hansjörg Höfer bedauerte auf RNZ-Anfrage, dass es die Wunderkerzen im Festzelt nicht mehr gibt: "Es war ein Teil der Krönungszeremonie und für die neuen Hoheiten ein ganz besonderes Erlebnis." Aber er sah das Verbot auch pragmatisch: "Wenn die Wunderkerzen gesundheitsschädlich sind, dann muss man sie eben weglassen."

Mehrfach wurde schon angedeutet, dass die Krönungsmacher über adäquaten Ersatz nachdenken. Die Info der DGUV gibt dafür eine Anregung: "Geeignete Alternativen sind Leuchtstäbe oder ’Leuchtbesen’, die auf elektrischer oder chemischer Basis funktionieren." Abwarten, auf welchen Effekt die Choreografen des Abends setzen werden. Man darf gespannt sein.

Hintergrund

Eine Wunderkerze besteht aus einem verkupferten Stahldraht mit einer etwa vier Millimeter dicken Brennschicht. Rund die Hälfte davon ist Bariumnitrat. Dazu kommen circa 30 Prozent Eisenpulver sowie jeweils zehn Prozent Aluminiumpulver und Bindemittel. Zum Binden werden Dextrin, Mehl oder Kartoffelstärke benutzt. Die Korngröße des Metallpulvers ist für das charakteristische Funkensprühen entscheidend. Das Metallpulver sorgt für die Funkenfarbe. Aluminium, Titan oder Magnesium macht weiße, Eisen orangene und Ferrotitan gelb-goldene Funken. Die typischen Funken entstehen, wenn die winzigen Eisenkörnchen mit Sauerstoff verbrennen. cab

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung