15.04.2017

Schriesheim will soziale Schieflage bekämpfen

Mit karitativen Einrichtungen soll ein Sozialbericht erarbeitet werden - Bürgermeister Höfer: "Anleitung für kommunales Handeln"

Von Frederick Mersi

Schriesheim. "Wir haben diese Leute nicht vergessen", sagt Sozialamtsleiterin Christine Söllner. "Diese Leute", das sind vor allem Alleinerziehende, Rentner, die von Altersarmut bedroht sind, Arbeitslose und Behinderte, die auf dem regulären Arbeitsmarkt keinen Fuß fassen können. Lange wusste in Schriesheim niemand so genau, wie groß das Ausmaß an Armut und Bedürftigkeit in der Weinstadt eigentlich ist.

Als die Stadt selbst noch zahlreiche Sozialwohnungen besaß, sei das einfacher gewesen, sagt Hauptamtsleiter Edwin Schmitt: "Die Klientel war meist erkennbar." Inzwischen lautet die Frage, die sich der Verwaltung stellt, allerdings: "Wo bei uns leben Bedürftige? Gibt es sie überhaupt noch?" Gerade in Zeiten niedriger Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Wachstums ist das Bewusstsein dafür nicht sonderlich groß.

Doch Christine Söllner bekommt die Armut in Schriesheim bei ihrer Arbeit persönlich mit: 68 Ausweise für die Tafel für insgesamt 221 Menschen habe sie im vergangenen Jahr ausgestellt, sagt sie, zwei bis drei Menschen kommen pro Woche, um Lebensmittelgutscheine abzuholen, weil das Geld nicht mehr zum Essen reicht. "Man kann also konkretisieren, dass es in Schriesheim Armut gibt."

Die Bevölkerungsgruppen, die besonders häufig armutsgefährdet sind, sind in Schriesheim stark vertreten: 233 Arbeitslose und 520 Alleinerziehende leben in Schriesheim, 3300 Menschen im Alter von über 65 Jahren und 1767 mit irgendeiner Form von Mobilitätseinschränkung oder Behinderung. Armut drängt diese Menschen an den Rand der Gesellschaft. "Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ist sehr eingeschränkt", sagt Söllner. Um hier entgegenzusteuern, hat die Stadt erstmals 5000 Euro zur Verfügung gestellt, damit von Armut betroffene Schriesheimer an einem Kurs der Volkshochschule teilnehmen können.

Weitere Aktionen sind das "Zeitfenster", bei dem ehrenamtliche Helfer im Alltag zum Beispiel beim Einkauf oder durch Hausaufgabenbetreuung helfen können, und Inserate im Mitteilungsblatt, mit denen die Stadt zur Vermietung von Wohnraum an sozial Benachteiligte aufruft. "Sonst lesen die Leute immer nur, dass wir Wohnungen für Flüchtlinge suchen", sagt Söllner. Man wolle Vermieter nun auch ermutigen, über den eigenen Schatten zu springen, wenn es um ärmere Mieter gehe.

So könnten auch Zwangsräumungen umgangen werden, von denen in Schriesheim in diesem Jahr bisher schon zwei vorgenommen wurden. Die Stadt ist dann zur Unterbringung verpflichtet, doch viel Wohnraum steht ihr dafür nicht zur Verfügung. "Unser Vorrat ist da auf Kante", sagt Söllner - ähnlich wie bei der Flüchtlingsunterbringung. In den nächsten Jahren will die Stadt daher laut Bürgermeister Hansjörg Höfer einen Neubau mit Sozialwohnungen errichten.

Nun soll jedoch erst einmal ein umfassender Sozialbericht erstellt werden. Beteiligt sind daran soziale Einrichtungen und Vereine wie die AWO, die kirchliche Sozialstation, die Flüchtlingshilfe, das Mehrgenerationenhaus "mittendrin", die Altenheime, das Rote Kreuz und ein Frauenhaus. "Dieser Bericht soll dann Anleitung für kommunales Handeln sein", sagt Bürgermeister Höfer.

Ein Veröffentlichungsdatum kann die Verwaltung bisher nicht nennen. In persönlichen Gesprächen will man sich mit den Einrichtungen austauschen, das dauere seine Zeit. "Wir machen das step by step", sagt Hauptamtsleiter Schmitt. Die Einrichtungen seien so verschieden, dass ein einheitliches Vorgehen nicht so einfach sei.

So will die Stadt auch sicherstellen, dass sie den Vereinen und Einrichtungen keine Arbeit wegnimmt: "Es soll eine Ergänzung sein", sagt Hansjörg Höfer.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung