16.05.2017

Ex-Ausbilder referierte über den Alltag auf dem Bundeswehr-Segelschulschiff

Ex-Ausbilder referierte über den Alltag auf dem Bundeswehr-SegelschulschiffKörperliche und psychische Belastung als Notwendigkeit

Jürgen Hans war in den 90er-Jahren als Obermaat Ausbilder auf der "Gorch Fock". Er hält die Segelschulschiff-Ausbildung an sich nach wie vor für zeitgemäß. Foto: Dorn

Schriesheim. (ze) "Ist die Ausbildung von Nachwuchsoffizieren auf der Gorch Fock noch zeitgemäß?" Eine Frage, die angesichts der jüngsten Vorkommnisse in der Bundeswehr rund um den Fall des rechtsextremen Oberleutnants Franco A. und der Ausstrahlung des Dramas "Tod einer Kadettin", das den Tod der 2008 umgekommenen Gorch-Fock-Kadettin Jenny Böken behandelt, eine ganz neue Aktualität bekommen hat.

Eine konkrete Antwort auf diese Frage wollte Jürgen Hans, der in den 1990er Jahren als Obermaat selbst auf der Gorch Fock als Ausbilder zur See gefahren ist, beim Treffen der Reservistenkameradschaft Schriesheim zunächst nicht geben. Aber zumindest einen Eindruck wollte er davon vermitteln, wie sich das Leben für die Offizieranwärter des Truppendienstes und die Sanitätsoffizieranwärter der Deutschen Marine auf der Gorch Fock darstellt. "Seefahrer sind ungeahnten Naturgewalten ausgesetzt", sagte er. Das Zusammenleben auf engstem Raum stelle eine große körperliche und psychische Belastung dar. Das Schiff rolle und stampfe, der Wind pfeife, und unter Deck breite sich der Geruch körperlicher Ausdünstungen aus.

"Überall riecht es nach Erbrochenem, und Sonn- und Feiertage gibt es nicht", schilderte Hans recht drastisch die Situation auf dem Segelschiff. Zudem sei der Umgangston rau. "Es herrscht Disziplin an Bord", betonte Hans.

Dazu kommt, dass die Besatzung auf ihren Reisen über die Weltmeere weitgehend auf sich gestellt ist. So werde zeitweise Funkstille eingehalten und damit ein Notfall simuliert. Die Notwendigkeit der harten Ausbildung auf der Gorch Fock ergebe sich aus der Tatsache, dass ein Unteroffizier mit Drucksituationen umgehen können muss - etwa, wenn er es mit Piraten bei einem Einsatz der Marine vor der Küste Somalias zu tun hat.

In diesem Zusammenhang ging Hans auch auf die Ausbildung von Frauen an Bord des Segelschulschiffes ein, die erst seit Ende der 1980er-Jahre überhaupt möglich ist. Mit Verweis auf die Unterschiede in den Sportgeräten für Männer und Frauen in vielen Sportdisziplinen sah er die körperlichen Voraussetzungen für den Dienst an Bord für Frauen nicht immer gegeben.

"Jeder, der sich zur Ausbildung auf der Gorch Fock entschließt, muss wissen, was auf ihn zukommt", machte Hans ebenso deutlich, dass dies eine freiwillige Entscheidung jedes Einzelnen sei. Im Zusammenhang mit dem Tod von Jenny Böcken übte Hans außerdem Kritik an den Medien. Diese hätten nach Bagatellen gesucht und sie dem Verteidigungsministerium angelastet.

So entstehe der Eindruck, dass es in der Bundeswehr zugehe wie im zivilen Bereich. Zur Bundeswehr gehörten zwar auch Rituale und Tradition, diese dürften jedoch nicht menschenverachtend sein. Ebenso deutlich sprach sich Hans vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse gegen rechtsextreme Tendenzen in der Bundeswehr aus.

Eine Antwort auf die Vortragsfrage gab Jürgen Hans abschließend doch noch: "Die Ausbildung auf einem Segelschulschiff wird noch in 100 Jahren zeitgemäß sein." Denn nur dort könne der Einzelne erkennen, dass er auf seine Kameraden angewiesen ist. Außerdem verdiene die Marine ein Aushängeschild, wie es die Gorch Fock darstelle.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung