16.05.2017

Else Hartmann geehrt für ein Beispiel tiefer Menschlichkeit

Schriesheimerin Else Hartmann lebte Inklusion in besonderer Weise - In neuem Romméspiel mit Louis Braille und Margarete Steiff

Unter dem Motto "Behindern ist heilbar" hat der Behindertenverband Leipzig ein Kartenspiel mit besonderen Persönlichkeiten mit Handicaps herausgegeben. Eine von ihnen ist Else Hartmann, die auch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Foto: Dorn

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Ihre Blindheit war für Else Hartmann ein Merkmal, von dem sie sich nie bestimmen ließ. Mit ihrem ebenfalls blinden Bruder Fritz setzte die Schriesheimerin bis zu ihrem Tod im Jahr 2010 in ihrem persönlichen Umfeld Maßstäbe in Sachen Inklusion - und wurde dafür im vergangenen Herbst in besonderer Weise ausgezeichnet: Neben berühmten Persönlichkeiten wie Louis Braille und Margarete Steiff wurde sie in ein Kartenspiel des Behindertenverbands Leipzig aufgenommen. Zu Lebzeiten war sie bereits mit der Goldmedaille der Stadt und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

Dass Hartmann nun Teil eines Romméspiels ist, liegt vor allen Dingen an Andrea von Wiedebach. Sie hatte die Abschlussarbeit ihres Studiums an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg über die Biografie und Sehbehinderung von Fritz Hartmann geschrieben, und die Familie deshalb mehrere Male in ihrem Zuhause in Schriesheim besucht. "Das war schon eine verrückte Konstellation", erinnert sie sich, "Else Hartmann war die Mutter das Ganzen, sie hat das menschlich zusammengehalten."

Zwei Kinder hatten Else und Fritz Hartmann bei sich aufgenommen, Ingeborg, die mit Trisomie-21, dem Down-Syndrom, geboren wurde, und Gabriele mit Lernbehinderung. "Sie war das Auge der Familie, sie hat zum Beispiel Texte und Adressen gelesen", sagt von Wiedebach, "Ingeborg hat den Haushalt bestimmt." Oft hätten sie alle zusammen "geschmust", erinnert sich die Orthoptistin und Grundschullehrerin, die heute im sächsischen Kodersdorf lebt.

Dass die Geschwister Hartmann ihren Mitmenschen mit einem solchen Engagement halfen, war auch Ausdruck ihrer eigenen Biografie. Else Hartmanns Schulzeit an der Staatlichen Blindenschule in Ilvesheim von 1928 bis 1939 war zu einem Großteil von der Herrschaft der Nationalsozialisten geprägt, die nicht nur wenig Verständnis für Menschen mit Behinderungen aufbrachten, sondern diese auch teilweise sterilisieren und systematisch umbringen ließen.

Davon hätten sich die Geschwister aber nicht verbiegen lassen, schreibt Stadtarchivar Dirk Hecht in seinem Nachruf auf Else Hartmann: "Im Gegenteil: Sie entwickelten sich zu selbstständigen, eigenverantwortlichen und starken Persönlichkeiten." Else Hartmann wurde schließlich Maschinenstrickerin und engagierte sich beim Blindenverein. Bruder Fritz arbeitete als Stenotypist bei einer Mannheimer Versicherungsfirma.

Vor 30 Jahren wurde das Engagement der Geschwister, auch im Hinblick auf ihre Arbeit in den Heidelberger Werkstätten der "Lebenshilfe", mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet, 2008 folgte die Ehrung mit der Goldmedaille der Stadt Schriesheim. Entgegennehmen konnte sie aber nur noch Else Hartmann, ihr Bruder war ein Jahr zuvor nach schwerer Krankheit gestorben. Der Andrang zu seiner Trauerfeier war groß. Ihre Besuche bei der alles andere als alltäglichen Wohngemeinschaft der Geschwister Hartmann haben Andrea von Wiedebach sehr beeindruckt und geprägt. Aus diesem Grund schlug sie ihrem Pfarrer Andreas Fünfstück Else Hartmann auch für das Kartenspiel des Behindertenvereins Leipzig vor.

Überschrieben sind die Rommékarten mit dem Slogan "Behindern ist heilbar", auf Symbolen und in der Anleitung werden barrierefreie Lösungen und Kommunikationsformen erklärt. Else Hartmann hat Inklusion schon lange vorher gelebt.

Die Motivation dazu: "Da war einfach eine tiefe Menschlichkeit dahinter", sagt Andrea von Wiedebach.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung