17.05.2017

Große Furcht nach "Jahrhundertfrost"

Eine Nacht kann über Existenzen entscheiden - Hoffnung auf hohe Preise und Nothilfen des Landes

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Saftiges Grün schmückt die Zwetschgenbäume rund um den Aussiedlerhof der Familie Spieß. In der Nacht zuvor hat es ausreichend geregnet, am Montagmorgen scheint die Sonne - das Einzige, was fehlt, sind Zwetschgen. "Nichts - doch, da oben, eine oder zwei", sagt Karlheinz Spieß und schiebt einen Ast beiseite. Der "Jahrhundertfrost" im April hat ihn hart getroffen, weil er sein Steinobst ohne Beregnungsanlage nicht vor der Kälte schützen konnte. Jetzt befürchtet er Verluste in sechsstelliger Höhe.

"Ich bin aber nicht der Einzige in Schriesheim, dem es so geht", sagt Spieß. Nur wenige Hundert Meter entfernt, auf dem Aussiedlerhof der Familie Krämer, kommt die Bestätigung: "Wie es derzeit aussieht, haben wir Ausfälle von etwa 80 Prozent - bei Kirschen, Mirabellen und Zwetschgen", sagt Christina Krämer, die für den Obstbau zuständig ist. So lautet zumindest ihre optimistische Schätzung, denn wie viele Früchte nach der Ernte tatsächlich für den Verkauf geeignet sind, steht noch längst nicht fest.

"Es könnte durchaus kritisch werden", sagt auch Spieß, "eine Nacht kann für viele dieses Jahr die Existenz bedeuten." Abhängig ist das letztendlich aber nicht nur von der Menge der geernteten Früchte, sondern auch vom Preis, zu dem sie verkauft werden können. Da Obstbauern in ganz Deutschland unter dem Frost leiden, könnte zumindest inländisches Obst teurer werden. Für Früchte aus dem Ausland gilt das aber nur bedingt.

Das Landesministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz hat bereits finanzielle Unterstützung für die betroffenen Bauern angekündigt. Wie hoch diese aber letztlich ausfällt und welche Vorgaben dafür erfüllt werden müssen, ist noch unklar. Spieß hat dennoch schon einmal begonnen, die Schäden an ihren Obstbäumen mit dem Smartphone zu dokumentieren - auch wenn sie das Geld des Landes nur widerwillig anfordern würden.

"Mir ist so etwas peinlich", sagt Karlheinz Spieß. Schon im Tabakanbau habe es vor einigen Jahren Zuschüsse gegeben, was dann öffentlich einsehbar war. "Das hat immer so einen Beigeschmack", findet er.

Auch Christina Krämer will erst einmal abwarten, wie die Anforderungen für Zahlungen des Landes aussehen: "Aber wenn es das Angebot gibt, werden wir das in Anspruch nehmen." Vorher liegen ihre Hoffnungen auf dem Hauptstandbein des Familienbetriebs: dem Weinbau. "Wenn ich allein vom Obstbau leben müsste, würde es dieses Jahr schlecht aussehen", sagt Krämer.

Auch Karlheinz Spieß hat mit dem Wein- und Ackerbau noch zwei alternative Einnahmequellen, allerdings sind die Erträge aus Letzterem im Vergleich gering. "Die Zuckerrüben haben aber natürlich auch unter dem Frost gelitten", sagt er. Beim Weinbau sei man bisher mit einem blauen Auge davongekommen: Manche Lagen waren vom Frost gar nicht betroffen, zudem können die Reben zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal austreiben. Die Kirschen dagegen sprangen auf oder fielen ab, mit den Zwetschgen verhielt es sich ähnlich. Nun denkt Spieß für die Zukunft über eine Frostschutzberegnung nach. Bisher sei das nie nötig gewesen, sagt er. Doch nun tragen viele seiner Kirsch- und Zwetschgenbäume kaum Früchte. "Es war nicht voraussehbar, dass es so schlimm ausgeht", meint Spieß.

Schneiden und düngen müssen die Obstbauern ihre Bäume aber weiterhin. Gerade wegen der laufenden Kosten dafür hoffen sie auf Kompensation vom Land. "Es war in jedem Fall eine teure Nacht im April", sagt Christina Krämer, "aber das ist nun mal Natur."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung