18.05.2017

Vortrag zu Schwerhörigkeit war nicht leicht zu verstehen

Ärztin Dr. Ulla Schultens-Kaltheuner berichtete von ihrer Krankheit - Besucher mit Hörgeräten klagten über lästige Geräusche im Ohr

Schriesheim. (nip) "Wie ein Verbannter muß ich leben…", schrieb der wegen seiner zunehmenden Schwerhörigkeit verzweifelte Ludwig van Beethoven im Jahr 1802, gerade einmal 32 Jahre alt. Und Philosoph Immanuel Kant notierte: "Nicht sehen trennt von den Dingen, nicht hören trennt von den Menschen." Schwerhörige, so erfuhren die Zuhörer bei der Kooperationsveranstaltung der AWO Schriesheim sowie der Heidelberger Selbsthilfegruppe "Schlappohren" im Vereinsraum der Mehrzweckhalle, laufen Gefahr, sich zunehmend zu isolieren.

"Schwerhörige neigen auch dazu, selbst sehr viel zu reden, damit sie nicht hören müssen", sagte Referentin Dr. Ulla Schultens-Kaltheuner. Die Allgemeinmedizinerin ist als Hausärztin tätig, hat zwei Kinder und erkrankte in ähnlich jungen Jahren wie Beethoven.

Über ihren Leidensweg, der zunächst mit Verdrängung ihrer zunehmenden Schwerhörigkeit begann, bis er schließlich über eine Gesprächstherapie in Akzeptanz mündete, hat sie ein Buch mit dem Titel "Ich bin schwerhörig - und das ist auch gut so" geschrieben. "Ob ich den Titel heute noch einmal so wählen würde, weiß ich nicht, denn manche Menschen fühlen sich verletzt. Sie fragen sich und mich, was daran gut sein soll", gab sie offen zu.

Doch sie habe beschlossen, das Thema aus der "Tabu-Ecke" zu zerren - wobei sie den Eindruck habe, dass Schwerhörigkeit, ein Oberbegriff für unterschiedliche Beeinträchtigungen und Störungen, nicht mehr ganz so verschämt verschwiegen werde wie früher.

Dennoch: Wer von Schwerhörigkeit betroffen ist, sucht nach Tricks, um nicht aufzufallen. Zu groß ist oft die Scham, zum hundertsten Mal nachzufragen, wenn man etwas nicht verstanden hat. Zu groß auch die Angst vor der Ungeduld der Mitmenschen: "Wenn sich das Hörvermögen davonschleicht, nehmen Angehörige das eher war. Für die Betroffenen wird die Welt immer stiller, und Missverständnisse pflastern den Alltag", sagte die Referentin. "Eine Höreinschränkung wird von außen nicht immer als Behinderung wahrgenommen", sagte Idil Reineke, die städtische Inklusionsbeauftragte, die den Abend zusammen mit Gabriele Merck von der Selbsthilfegruppe und der AWO organisiert hatte.

Als Schirmherr der Veranstaltung hob Bürgermeister Hansjörg Höfer die Anstrengungen der Stadt hervor, das Thema "Inklusion" auf verschiedensten Ebenen zu verankern. "Wir sind gut aufgestellt und haben mit Idil Reineke eine Ansprechpartnerin für alle eingestellt. Wir sind dabei, die Stadt barrierefreier zu machen - das ist eine große Herausforderung, die sicher Generationen andauern wird", meinte er. Auch in finanzieller Hinsicht seien Kraftanstrengungen zu meistern, wobei Fehler wie beim Fahrstuhl im Kinderhort, der das Dachgeschoss nicht mit anbindet, passieren könnten.

Frei von Störungen war auch dieser Abend nicht. Trotz der mobilen Höranlage der Stadt, trotz der Funkempfänger, die die Zuhörer an eine Induktionsschleife anschließen und mit dem eigenen Hörgerät verbinden konnten, hatten diese zu Beginn lästige Geräusche im Ohr. Auch die Referentin selbst sprach recht leise. Ein Segen, dass das Gesagte parallel in Gebärdensprache übersetzt wurde. Für die letzten Unklarheiten bleibt noch Schultens-Kaltheuners Buch, das neben dem eigenen Weg in die Beeinträchtigung kleine medizinische Ergänzungen und Erläuterungen bietet. Zum Beispiel eine höchst informative Abhandlung darüber, wie das menschliche Ohr überhaupt funktioniert.

Was denn die Stadt noch tun könne, um Schwerhörigen die Teilhabe am öffentlichen Leben zu erleichtern, wollte in der anschließenden Fragerunde Grünen-Stadträtin Barbara Schenk-Zitsch von den Betroffenen wissen. Dass jemand bei der Kommune dafür zuständig sei, die mobile Höranlage bei kulturellen Veranstaltungen einzusetzen, kam als Anregung von Gabriele Merck. Und in den Schulen könnte man Induktionsschleifen verlegen, die das Hören erleichtern.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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