26.07.2017

Energische Rede, zögerliche Antworten

AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel sprach vor rund 250 Besuchern in Mehrzweckhalle - Auch Schriesheimer Protestplakat erwähnt

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Die Spitzenkandidatin kam deutlich verspätet: Der Flieger von Alice Weidel wurde in Berlin wegen schlechten Wetters vom Start abgehalten. Und so kam die Frontfrau der "Alternative für Deutschland" (AfD) erst kurz vor 21 Uhr in der Schriesheimer Mehrzweckhalle an. Der Protest vor der Tür blieb friedlich. Andreas Geisenheiner, Sprecher der "Freunde der AfD", und Bundestagskandidat Malte Kaufmann mussten das Programm umstellen: Kaufmann redete länger - vor allem über den "Irrsinn" der Migrationspolitik, einen Untersuchungsausschuss für den "Rechtsbruch" von Kanzlerin Angela Merkel und die Euro-Rettungspolitik als "Schrecken ohne Ende" - und er beantwortete anschließend mehr Fragen als geplant.

Für einige Minuten las zudem der Fernsehjournalist Imad Karim einen seiner Texte vor. An dessen emotionalem Ende ("Vergesst nicht, mir mein altes Deutschland zurückzugeben, auch wenn ich nicht mehr da bin") gab es stehende Ovationen von einem Großteil des Publikums.

Unter dem Motto "Dialog statt Monolog" hatten die "Freunde der AfD" in Schriesheim eingeladen. Bei bestem Sommerwetter kamen in die schwüle Mehrzweckhalle mit knapp über 250 Menschen nur etwas mehr als die Hälfte der Besucher, für die auf den gestellten Stühlen Platz gewesen wäre. Von den persönlich eingeladenen Vertretern von Stadtverwaltung und Kirchen kam niemand. Viele der Anwesenden waren keine AfD-Mitglieder, zum Dialog kamen sie aber wegen des geänderten Zeitplans vorrangig mit Kaufmann, weniger mit Spitzenkandidatin Weidel.

Die hatte in der abschließenden Fragerunde ihre Schwierigkeiten. Ein Besucher wollte wissen, wie man gerichtlich verurteilte Flüchtlinge trotz des damit verbundenen bürokratischen Aufwands innerhalb von 24 Stunden abschieben könne. "Die Beamten sollen einfach arbeiten", sagte Weidel, "das geht ja bei anderen Sachen auch." Auf eine weitere Frage nach speziellen Gefängnissen für verurteilte Flüchtlinge antwortete Weidel: "Sie verlangen doch nicht ernsthaft, dass ich diese Frage beantworte."

Deutlich energischer trat sie hingegen am Anfang ihrer Rede auf: Das Protestplakat "Kein Wein für Rechtspopulisten" in der Ladenburger Straße sei "eine Schande", sagte Weidel, um dann zum Themenblock Migrationspolitik und innere Sicherheit überzuleiten. "Es gibt ein Kriminalitätsproblem wegen der Merkel‘schen Einwanderungspolitik", lautete dabei der Tenor. Übergriffe wie beim Schorndorfer Stadtfest dürften keine Normalität werden, in Deutschland gebe es längst eine "Herrschaft des Unrechts" und eine "Zertrümmerung des Rechtsstaates".

Immer wieder untermauerte Weidel ihre Aussagen mit einem "So sieht’s nämlich aus". Besonders viel Applaus gab es für ihre Forderungen nach einer Obergrenze von 10.000 Flüchtlingen mit subsidiärem Schutz und nach einem "strengen" und "unnachgiebigem Rechtsstaat". Weniger gut kamen ihr Sarkasmus und ironische Elemente bei dem vorwiegend älteren Publikum an, auch die Aussage "Wer als junger, kräftiger Mann seine Familie in Syrien zurücklässt, hat keinen Anspruch auf Schutz" traf nur auf verhaltene Resonanz.

Nachdem die Spitzenkandidatin scharfe Kritik am Netzwerkdurchsetzungsgesetz und dem "politischen Kampfbegriff ’Hate Speech’" geübt und Justizminister Heiko Maas mit dem Staatssicherheitschef der DDR, Erich Mielke, gleichgesetzt hatte, stand das Publikum um 21.57 Uhr vor der Wahl: Entweder Weidel zum Thema Euro-Politik weiter zuzuhören oder direkt in die Diskussion zu gehen. Auf Zuruf einiger Besucher setzte die Kandidatin ihre Rede fort, in der Folge verließen immer mehr Besucher den Saal.

Die Temperaturen und die späte Zeit forderten ihren Tribut. Dass Weidel beim folgenden Themenblock ihre Stärken als Ökonomin in Form von ausführlichen Erklärungen zeigte, war der Aufmerksamkeit des Publikums nicht unbedingt förderlich. Erst bei dem Satz "Es wird immer nur gelogen, dass sich die Balken biegen" brandete Applaus auf. Kurz ging Weidel danach noch auf die Forderung nach einer niedrigeren Mehrwertsteuer und der Abschaffung einer Bargeld-Obergrenze ein.

Viele Besucher zeigten sich nach dem Ende der Veranstaltung um 22.32 Uhr mit der Rednerin zufrieden: "Weidel und Kaufmann haben das sehr gut gemacht", befand ein Paar aus Bensheim. "Ich war schon immer politisch an der AfD interessiert", sagte ein anderer Besucher aus Heppenheim. Ihm gefalle, dass sich die Partei patriotisch verstehe. Alles habe ihm aber nicht zugesagt: "Mir hat bei der CDU auch nicht immer alles gefallen. Bei der AfD mag ich nicht, dass sie die Kernkraftwerke weiterlaufen lassen will."

Zwei Studenten aus Schriesheim beurteilten den Abend nach intensiven Diskussionen mit Parteianhängern negativer: "Ich fand Weidels Rede teilweise sehr polemisch", sagte einer. Es sei schwierig, zu beurteilen, was die AfD eigentlich für eine Partei sei: "Da ist zwischen CDU-Wählern und sehr Rechten viel dabei." Dennoch habe sich der Besuch der Kundgebung gelohnt, waren sich beide einig: "Es ist manchmal schwierig, mit den Leuten zu diskutieren. Aber es ist trotzdem wichtig, dass man miteinander redet." Das gehöre schließlich zu einer Demokratie.

Andreas Geisenheiner bedankte sich übrigens am Ende des Abends mit Wein bei den beiden Rednern - trotz des umstrittenen Protestplakats und Vergleichen mit dem Judenboykott unter der Herrschaft der Nationalsozialisten. Um die Veranstaltung herum blieb es ruhig.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version des Artikels hieß es, dass Imad Karim AfD-Mitglied sei. Herr Karim widersprach dem und erklärte, dass er "weder Mitglied der AfD noch einer anderen Partei oder politischen Kollektive" sei.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung