04.08.2017

Die Sandsäcke sind schon gekauft

Der Kanzelbach und seine Zuflüsse machen bei Starkregen zunehmend Probleme - Stadt untersucht Flussgebiete und Hochwasserschutz

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Es ist eine kurze Nacht im Haus "Stammberg". Am frühen Morgen des 30. Mai 2016 drücken die Wassermassen ins Erdgeschoss des Altenheims: Nach sintflutartigen Regenfällen laufen 1000 Quadratmeter Keller voll. Vier Zimmer werden zudem aus Sicherheitsgründen geräumt, das Pflegepersonal und die Freiwillige Feuerwehr sind mit Sandsäcken und Wassersauger im Dauereinsatz. Mehr als ein Jahr dauern die folgenden Sanierungsarbeiten. In den kommenden Jahren könnten solche Ereignisse öfter auf die Einrichtung im Schriesheimer Tal zukommen.

"Die Häufigkeit von solchen Einsätzen hat schon zugenommen", sagt Feuerwehrkommandant Oliver Scherer. Er habe bereits bei seinem Amtsantritt im Jahr 2004 ein Schlüsselerlebnis gehabt: "Wir hatten innerhalb von eineinhalb Stunden zwei schwere Unwetter." In der Folge habe die Feuerwehr ihre Ausbildung, Materialausstattung und Führungsstruktur angepasst: Zwei Schlammpumpen wurden gekauft, die Einsatzleitung für Großlagen weitergebildet, und der Jugendraum im Feuerwehrhaus soll zum Krisenraum ausgebaut werden, damit die Kommunikationswege kürzer sind.

"Man kann sich aber nicht auf alles vorbereiten", sagt Scherer. Vor allem im Bereich der Gaulsbrücke liege ein "hydraulischer Schwachpunkt" des Kanzelbachs. Der Durchfluss ist dort sehr eng, das Wasser staut sich bei großen Regenmengen entsprechend schnell. "Wenn der Bach dort überläuft, würde alles überschwemmt werden, auch das Feuerwehrhaus", sagt der Kommandant.

Eine Lösung wäre das Absenken des Bachbetts. Ob dies nötig wird, prüft die Stadt momentan in einer Flussgebietsuntersuchung. "Dabei wird auch der Kanzelbach untersucht", sagt Stadtbaumeister Markus Schäfer. Das Verfahren läuft seit vergangenem Jahr, die Ergebnisse sollen Anfang 2018 dem Gemeinderat vorgestellt werden. "Wassermen-gen, Bachbett und Hochwasserschutzmaßnahmen werden dabei auch geprüft", erläutert Schäfer. Ziel sei es, Grundlagen für bauliche Veränderungen zu erhalten.

Doch nicht nur der Kanzelbach kann bei Starkregen zum Problem werden: "Es sind primär die Seitenbäche, die Schäden verursachen", sagt Kommandant Oliver Scherer. Das berichtet auch Heinz Waegner, Leiter der Wiedereingliederungseinrichtung Mühlenhof: "Unser Problem waren im Mai 2016 der Allmans- und der Pappelbach." Sie fließen dem Kanzelbach von Ölberg- beziehungsweise Branichseite zu. "Der Allmansbach ist so angeschwollen, dass er unseren Stall überflutet hat", sagt Waegner, "der Pappelbach hat unseren Parkplatz zerstört und eine Mauer unterspült, die dann eingebrochen ist." Die Schäden durch den Starkregen im Mai vergangenen Jahres beziffert Heinz Waegner auf etwa 40.000 Euro. "Zum Glück hat die Versicherung gezahlt", sagt er. Konsequenzen hat seine Einrichtung aus den Ereignissen trotzdem gezogen. "Wir haben mehr Abflüsse und Querrinnen gebaut", so Waegner, "und wir haben uns Sandsäcke besorgt."

Der ehemalige Grünen-Stadtrat rechnet jedoch damit, dass Nächte wie die auf den 30. Mai 2016 wegen des Klimawandels in Zukunft häufiger vorkommen werden: "Es wird auf jeden Fall mehr Probleme bei Starkregen geben." Sorgen bereitet ihm dabei auch das kleine, inzwischen fast 100 Jahre alte Rückhaltebecken auf dem Hofgelände: Es soll größere Wassermengen im Allmansbach aufstauen, versandet bei Starkregen aber schnell. "Wenn es wieder soweit ist, sehen wir weiter", sagt Waegner.

Probleme ganz anderer Art könnten auf das Schützenhaus auf der gegenüberliegenden Seite der Talstraße zukommen: 2006 kam es dort auf einer Breite von 40 Metern zu einem Erdrutsch, nachdem sich der Boden mit Regen vollgesogen hatte. "Wir hatten schon immer Unwetter", sagt Kommandant Oliver Scherer, "aber jetzt haben wir jedes Jahr mindestens eins dieser Intensität."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung