11.09.2017

Winzergenossenschaft setzt bei Lese zunehmend auf Vollernter

Drei Wochen Hochbetrieb - In der Kelterhalle wird rund um die Uhr gearbeitet

09.09.2017, 06:00 Uhr

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Thomas Rell ist im Dauerstress. Fünf Wochen Urlaub hat er sich genommen, um im Kelterhaus bei der Lese der Winzergenossenschaft zu helfen: eine Woche Vorbereitung, drei Wochen Lese, eine Woche Putzen und Aufräumen. Am dritten Tagen liegen in der Halle am Dossenheimer Weg überall Schläuche und Kabel, neben den Förderbändern haben sich Reste dessen angesammelt, was die Presse aus dem Lesegut gefiltert hat: vor allem Blätter und Trester.

"Gestern haben die Winzer das stabile Wetter voll ausgenutzt", sagt Rell nach einem seiner vielen Handytelefonate in diesen Tagen. Auf zwei Seiten des Gebäudes liefern die Schriesheimer Weinbauern gerade ihre Trauben ab: An der nördlichen Zufahrt werden die rechteckigen Chemo-Bottiche angenommen, an der südlichen kommen die Maischewagen mit Lesegut aus den zwei Vollerntern an, die am Freitag im Einsatz sind.

Christina Krämer braucht mehrere Züge, um ihren wuchtigen Traktor mit dem langen silbernen Anhänger in die Zufahrt zu bugsieren. Sie ist seit fünf Uhr morgens im Wingert unterwegs, von Müdigkeit trotzdem keine Spur. "Vollernter sind bei manchen Leuten immer noch verpönt", sagt sie, "dabei gibt es heute kaum noch qualitative Unterschiede zur Handlese." Drei Gründe sprachen lange Zeit gegen den Einsatz der großen Erntemaschinen: Mängel bei der Technologie, Kosten im sechsstelligen Bereich und schwer zugängliche Hanglagen.

Dank des technischen Fortschritts werden die Trauben heute aber schonender behandelt, und andere Winzer vermieten ihre Maschinen während der Lese. Davon profitiert auch Hans Heberle: "Ich habe heute Morgen den Himmel angeguckt und den Vollernter machen lassen", sagt er, während seine Chemo-Bottiche mit dem Kran ins Kelterhaus gehoben werden. Normalerweise brauche er 15 Leute für die Lese: "Das ist schon eine große Erleichterung."

Mit ihrem Maischewagen ist für Christina Krämer auch die Abgabe der Trauben einfacher geworden: Der Anhänger wird gewogen, ein Schlauch angeschlossen und das Lesegut direkt auf die Presse gepumpt. Die neue Annahmeanlage hat die Winzergenossenschaft etwa 52.000 Euro gekostet. Sie entzerrt den Ablauf während der hektischen Lesetage enorm - auch wenn die Waage an diesem Morgen nicht so misst, wie sie es soll. Krämer reagiert mit Ironie: "Tag drei der Lese, alles funktioniert", sagt sie zu Thomas Rell, "Du musst dem Gerät nur gut zureden." Nach der kurzen Verzögerung fällt der Berg an Müller-Thurgau-Trauben im Maischewagen in wenigen Minuten in sich zusammen, etwa fünf Tonnen werden in die Halle gepumpt. 83 Grad Oechsle, "für die Sorte sehr gut", findet Krämer. Ein paar Minuten später muss sie Traktor und Anhänger wieder wegfahren, Hartmut Haas bringt die nächste Ladung im Maischewagen zur Halle.

Unterdessen hat sich auf der anderen Seite des Gebäudes Karlheinz Spieß mit neuen Bottichen in die Schlange der Winzertraktoren eingereiht. Der stellvertretende Vorsitzende der Genossenschaft ist dieses Jahr noch mehr gefordert als sonst: Geschäftsführer Harald Weiss erholt sich noch von einer Augenoperation, Vorstandsvorsitzender Friedrich Ewald ist im Urlaub. Mit Winfried Krämer, dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats, und Rebschutzwart Peter Haas leitet Spieß die Lese. "Gestern gab es Probleme mit der Anlage", erzählt er, "eine mittlere Katastrophe." Der Leseplan für Vollernter musste über den Haufen geworfen werden. Erst 71 Anrufe und einen Besuch der zuständigen Bensheimer Firma später kehrte wieder so etwas wie Routine ins Kelterhaus ein. "Mein Kopf war da schon hochrot", sagt Spieß. Schließlich muss er sich noch um seine eigene zehnköpfige Erntemannschaft und um die Geschäftsstelle der Genossenschaft kümmern.

Mit der Qualität der Trauben sei er zufrieden, sagt Spieß: "Die Leute haben sich auch bei der Vorlese wirklich Mühe gegeben." Und trotz der Mehrfachbelastung ist er optimistisch: "Wir müssen zusammenrücken, aber wir kriegen das hin."

Vor der Kelterhalle steht ein Tanklastwagen, der den Most zum Winzerkeller in Breisach bringt. Die Winzer müssen erst mal das Wochenende überstehen, es ist wieder Regen vorhergesagt. "Deswegen sieht jeder zu, dass er heute so viel wie möglich geerntet bekommt", sagt Spieß. Thomas Rell und seine Mannschaft sind an diesem Tag noch bis 17 Uhr in der Kelterhalle, dann beginnt die nächste Schicht. Bis wieder Ruhe einkehrt, wird es noch einige Tage dauern.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung