22.09.2017

Wahlkampf auf Nummer sicher

Volker Bouffier, hessischer Ministerpräsident, sprach bei seinem Auftritt am Freitag vor allem über die Regierungserfolge der Union

19.09.2017, 06:00 Uhr

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Für 58 Minuten herrschte Ungewissheit. Darüber, was eigentlich mit dem angekündigten Vorprogramm für den Wahlkampfauftritt des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier gemeint war, und darüber, wo der Gastredner eigentlich blieb. Etwa 90 Besucher warteten im Saal des Gasthauses "Zum Goldenen Hirsch" hauptsächlich bei Wasser und Bier, einige beschäftigten sich mit den acht verschiedenen Werbegeschenken, die CDU-Bundestagskandidat Karl A. Lamers auf den Tischen ausgelegt hatte.

Um 20.28 Uhr marschierte Volker Bouffier schließlich an Lamers Spalier stehenden Wahlkampfhelfern vorbei ins Gasthaus und wurde im Saal mit Applaus und "Final Countdown" aus den Lautsprechern empfangen. Zunächst begrüßte Lamers die Gäste, vorgestellt worden war er schon zuvor in zwei Videoclips. Scheinbar das Vorprogramm. "Ich bin überzeugt, dass wir den Wahlkampf zu einem guten Ende führen werden", sagte er. Trotz der guten Umfragewerte sei die Wahl aber noch nicht gewonnen. Bouffier ist zwar kein Bundespolitiker, aber ein bewährter Wahlkampfhelfer und langjähriger Freund von Lamers aus gemeinsamen Zeiten in der Jungen Union.

Um 20.42 Uhr sagte Lamers: "Er ist immer da gewesen." Bouffier ergänzte: "Und Du bist immer gewählt worden, das Ergebnis kann sich also sehen lassen." Letzteres Zitat hätte auch eine Zusammenfassung der etwa einstündigen Rede des hessischen Ministerpräsidenten sein können. Mit einer noch durchdringenderen Stimme als sein Gastgeber und ohne Notizen sprach Bouffier über die Erfolge der unionsgeführten Regierungen der letzten zwölf Jahre, immer wieder verbunden mit der Frage: "Wollen Sie die Richtung wechseln?" Schließlich habe man die Arbeitslosigkeit halbiert, seit 2014 keine neuen Schulden mehr aufgenommen, Ausbildungsbetriebe würden sich jetzt um Jugendliche reißen und nicht umgekehrt. "Deshalb die Frage an Sie: Ging es Ihren Eltern besser?", sagte Bouffier mit Blick ins Publikum. Nur einer meldete sich: Andreas Geisenheiner von den "Freunden der AfD". Bouffier: "Das müssen Sie mir nachher mal erklären."

Die Namen anderer Parteien, deren Inhalte und allzu viele Zahlen vermied Bouffier lang in seiner Rede, sprach stattdessen über "Grundrichtungen". Nur zur Alternative für Deutschland grenzte er sich klar und laut ab: "Das Allerhöchste ist, wenn die behaupten, sie seien die CDU von früher", so Bouffier unter aufbrandendem Beifall, "so wie die waren wir nie, und so werden wir auch nicht."

Entschieden sprach er sich gegen jegliche Steuererhöhungen aus. "Soziale Marktwirtschaft verträgt sich nicht mit einer Neidgesellschaft", sagte Bouffier, "dann muss ich auch bereit sein, Fleiß anzuerkennen." Seit Jahrtausenden seien immer wieder Leute mit dem Stichwort "Gerechtigkeit" unterwegs, viel geändert habe sich nicht.

Auch das Thema Digitalisierung sprach der Ministerpräsident an, verwies darauf, dass Hessen Ende 2018 flächendeckend Anschlüsse mit Geschwindigkeiten von 50 Megabit pro Sekunde bereitstellen könne. Bei anderen Zahlen nahm er es nicht so genau: "Vor 20 Jahren gab es das Internet noch nicht", sagte er. "Und wer hätte vor zehn Jahren an iPhones gedacht?" Vermutlich die halbe Welt, denn 2007 stellte Apple das erste Modell der revolutionären Smartphone-Reihe vor. Aus der "Vectoring"-Technologie der Telekom machte Bouffier dann noch die "Vektronik", die er als nicht ausreichend bezeichnete. Es blieben die einzigen Ausrutscher während seines rhetorisch starken und energischen Auftritts. Auch beim Thema "Innere Sicherheit" konnte der als "schwarzer Sheriff" bekannt gewordene Verfechter von Videoüberwachung und Rasterfahndung Glaubwürdigkeit vermitteln. "Es gibt nicht nur eine Schraube, an der man drehen muss, sondern einen ganzen Instrumentenkasten", so Bouffier. Es sei daher richtig gewesen, das Mindeststrafmaß für Einbrüche auf ein Jahr Haft zu erhöhen. Genauso sei es wichtig, im Kampf gegen organisierte Einbrecherbanden Zugriff auf Messengerdienste zu erhalten.

Auch außenpolitisch müsse man in einer Welt mit Trump, Putin (Bouffier: "Stellen Sie sich mal vor, Herr Lamers halbnackt auf einem Pferd mit einer Kalaschnikow", Lamers: "Oh Gott") und Erdogan auf Stabilität zu setzen. "Angela Merkel ist als Model vielleicht nur bedingt geeignet, aber sie ist verlässlich und klug", so Bouffier, "deshalb rate ich uns: keine Richtungswechsel."

Für drei Fragen aus dem überwiegend aus CDU-Mitgliedern bestehenden Publikum blieb anschließend noch Zeit: "Ich bin seit drei Jahren Mitglied", sagte zum Beispiel Philipp von Wolff-Metternich aus Heidelberg, "in diesen Jahren habe ich schon viele Richtungswechsel erlebt. Wie weit darf die CDU noch gehen?" Weder das Festhalten an der Atomkraft noch an der Wehrpflicht gehöre zum Identitätskern der CDU, antwortete Bouffier. "Markenkern ist das Bekenntnis zur Landesverteidigung."

Bei der Folgefrage zum Thema Windkraft distanzierte sich der Ministerpräsident in seiner persönlichen Meinung von Unionsbeschlüssen und argumentierte, man müsse auf Mehrheiten in der Bevölkerung hören: "Auf Dauer können Sie sich schwer gegen eine so große Zahl an Menschen durchsetzen."

Um 22.18 Uhr wurde der Gastredner verabschiedet: Mit Wein und Studentenküssen gingen Lamers und Christiane Haase, Vorsitzende der Schriesheimer Frauenunion, auch bei den Geschenken auf Nummer sicher. "Die Art der Rede hat mich beeindruckt", sagte ein weibliches CDU-Mitglied aus Schriesheim, "das war sehr kämpferisch." Ihr Mann war ebenfalls überzeugt: "Man muss sich auf die eigenen Leistungen berufen." Und Christiane Haase freute sich über eine "sehr gute Resonanz" und einen "großartigen Redner", auch wenn ohne die anfängliche Verzögerung noch einige Fragen mehr möglich gewesen wären.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung