12.04.2018

Schriesheim: Bei Schwerhörigkeit ist Mut gefragt

Audiologe Markus Landwehr sprach im Begegnungszentrum "Mittendrin" über Hörschädigungen - Nicht-Verstehen solle man offen ansprechen

Von Stefan Zeeh

Schriesheim. "Kann mich jeder verstehen?" - eine Frage, die häufig zu Beginn von Vorträgen gestellt wird. Bei Markus Landwehr im Begegnungszentrum "mittendrin" hatte sie aber eine besondere Bedeutung, sprach er doch über das Thema Hörstörungen und Hörgeräte. Im Raum saßen viele Zuhörer, die ein Hörgerät benutzen.

Um ihnen das Zuhören zu erleichtern, war auch eine mobile Höranlage installiert worden. "Die Stadt hat diese vor zwei Jahren angeschafft", erläuterte die Schriesheimer Inklusionslotsin, Idil Reineke, von der AWO Rhein-Neckar, die den von der "Aktion Mensch" geförderten Vortrag organisiert hatte.

"Hören aktiviert und bündelt unsere Aufmerksamkeit", sagte Landwehr. Ohne das Hören funktioniere die Kommunikation nicht richtig, damit sei dieser Sinn eine wichtige Voraussetzung für soziale Bindungen. Hinzu komme das Wahrnehmen von Gefahren, vor denen etwa ein Rauchmelder mit seinem lauten Ton warnt, und das Hören als Hilfe zur räumlichen Orientierung. Häufiges Nachfragen ist eine der Auswirkungen des nachlassenden Hörvermögens.

Schnell verliert deshalb der schlecht Hörende das Interesse an Gesprächen, immer öfter kommt es zu Missverständnissen, weil man etwas nicht richtig verstanden hat. Aus medizinischer Sicht kann Schwindel durch das schlechte Hören verursacht werden und der durch das schlechte Hören verursachte Stress kann zu einem Hörsturz oder Tinnitus führen.

Angesichts dieser Folgen ist es umso wichtiger mit dem passenden Hilfsmittel, etwa einem Hörgerät, dafür zu sorgen, dass man wieder gut hört. Doch das ist nicht alles: Denn selbst mit einem Hörgerät lasse sich nicht immer alles optimal verstehen, sagte Landwehr. Er spricht aus Erfahrung, arbeitet er doch seit mehreren Jahren als Audiologe und ist selbst auf beiden Ohren hochgradig schwerhörig.

"Sprechen sie ihr Nicht-Verstehen offen an", riet er seinen rund 30 Zuhörern. Die sollten ihren Gesprächspartnern durchaus Hinweise geben, was beim Verstehen hilft, zum Beispiel deutlich zu sprechen. "Sie müssen ihre Hörschädigung akzeptieren", sagte Landwehr. Das sei jedoch ein längerer Prozess, dazu brauche man Mut.

Den muss so mancher irgendwann einmal aufbringen, denn das Hörvermögen wird mit zunehmendem Alter nicht besser. "Wir haben etwa 15.000 Haarzellen in einem Ohr", erläuterte Landwehr. Diese Zellen, auf denen winzige Härchen sitzen, wandeln mechanische Reize in Nervenimpulse um. "Sie sind wie ein Konto, auf das nichts eingezahlt wird", so Landwehr.

Von diesem Konto werde nur abgebucht. So werden es im Alter immer weniger Härchen und Haarzellen. Zuerst im äußeren Bereich des Innenohrs, wodurch hohe Töne schlechter wahrnehmbar sind. Später im inneren Bereich, was dann das Hörvermögen bei tiefen Tönen einschränkt.

Hörsysteme der verschiedensten Art können helfen, denn die digitale Technik macht es möglich, die Hörsysteme an den Patienten bestens anzupassen. "Die Hörgeräte werden am Computer programmiert, je nach den Bedürfnissen des Kunden", erklärte der Audiologe. So können etwa Windgeräusche herausgefiltert oder Rückkopplungen vermieden werden. Eine Telefonspule in den Hörgeräten sorgt zudem dafür, dass das Signal von Höranlagen in Veranstaltungsräumen empfangen werden kann, und so auch Schwerhörige Referenten wie Markus Landwehr wieder verstehen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung