16.04.2018

Peter Hartmann wurde 103 Jahre alt: Ein Schriesheimer Jahrhundert-Leben

Am gestrigen Sonntagmittag starb Schriesheims Ehrenbürger Peter Hartmann im Alter von 103 Jahren

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Peter Hartmann hatte immer seinen eigenen Kopf. Und ein großes Kämpfer-Herz. Als seine Enkelin Sofia am 23. Februar im Zehntkeller als eine der neuen Weinprinzessinnen vorgestellt wurde, wollte er unbedingt dabei sein. Da saß er dann in seinem Rollstuhl am Stammende eines der Tische. Kaum noch hörend, kaum noch sehend. Auch wenn sein Körper den 103 Lebensjahren längst Tribut zollen musste: Hartmanns Geist und Wille waren stark bis zuletzt. Doch gestern Mittag um 12.40 Uhr wollte und konnte er nicht mehr. Schriesheims Ehrenbürger verstarb daheim in der Talstraße 114. Ein Jahrhundert-Leben ging zu Ende, für das es in Schriesheim keine Vergleiche gibt. Er hat die Geschichte dieser Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt und gestaltet wie niemand sonst. Und das wird immer von ihm bleiben. Ein vorgezeichneter Weg war es zumindest anfangs nicht.

In dem Haus, in dem er gestern stirbt, wird Peter Hartmann am 21. Oktober 1914 geboren. Im europäischen Schicksalsjahr. Sein Vater fällt im Krieg, als er zwei Jahre alt ist. 1937 muss er den Hof und die Verantwortung übernehmen. Vier Hektar gehören dazu. Das prägt ihn. Bauer wird er immer aus Leidenschaft sein. Seine Zielstrebigkeit und Energie helfen ihm - auch später in der Kommunalpolitik, wie sich zeigen wird. Doch zunächst muss er in den Zweiten Weltkrieg und kehrt erst lange nach dessen Ende zurück. Zeitlebens soll er bei Einigen in der Stadt dafür in der Kritik stehen, dass er sich als junger Mann von den Ideen der Nazis durchaus begeistern ließ. Doch er lernt noch im hohen Alter dazu, wie er beim Besuch der einst aus Schriesheim vertriebenen Juden in ihrer alten Heimat im Jahr vor seinem 90. Geburtstag beweist.

In den Jahren nach 1945 bedarf das Leben zunächst neuer Ordnung. Auch in seiner Stadt, die damals noch ein Dorf ist. Kanäle oder fließendes Wasser gibt es nicht überall. Und die junge Generation will Anfang der Fünfziger weg. Neubaugebiete wären nötig. Doch die Landwirte legen sich quer. In dieser Zeit wird Peter Hartmann Gemeinderat. 1953 zieht er ins Gremium ein. Ein Jahr zuvor gründet er mit seinem Freund und Wegbegleiter, Theodor Riehl, dem Vater des Alt-Bürgermeisters und Ehrenbürgers Peter Riehl, die Freien Wähler - als Protestbewegung gegen die Landesbehörden. Schon früh zeigen sich Hartmanns Stärken, der als Kommunalpolitiker immer zur Stelle sein wird, wenn es etwas zu lenken gibt. Oft schlauer, schneller, manchmal machtbewusster und auch etwas gerissener als politische Gegner.

So ist es nur eine der unzähligen Anekdoten, wie Hartmann 1953 als ganz junger Gemeinderat auf Bürgermeister-Suche geht. Sein Onkel, der damalige Ratsschreiber Martin Ringelspacher, der ihn in die Kommunalpolitik eingeführt hat, lehnt ab. Gemeinsam mit dem Arzt Dr. Karl Schuhmann, dem späteren CDU-Stadtrat, kommt er auf den Buchhalter Wilhelm Heeger. Dieser gilt als brav und korrekt, wird von Hartmann positioniert und 1954 gewählt. Hartmann selbst wird 1964 sein Stellvertreter und regiert, wenn dieser nicht da ist. Auch unter Heegers Nachfolger, Peter Riehl, bleibt er Vize - bis zum Jahr 1993, in dem er aus freien Stücken aus dem Gemeinderat ausscheidet und mit der Ehrenbürger-Würde verabschiedet wird. Für Riehl ist Hartmann politischer Ziehvater, Vorbild und väterlicher Freund.

Auch in Riehls Karriere beweist sich Hartmanns Instinkt und Machtbewusstsein. Hartmann baut ihn früh auf, nimmt ihn mit zu den richtigen Stammtischen. Und zum Liederkranz. Dessen Vorsitzender ist von 1967 bis 1991 kein anderer als Hartmann selbst. Riehl schlägt die Verwaltungslaufbahn ein und wird 1974 zum zweiten Bürgermeister, hinter dem Hartmann steht. Dieser führt schon ab 1959 die Fraktion der Freien Wähler, ist auch deren Orts-Vorsitzender und wird zur Eminenz der Wählervereinigung.

Zu seinen größten Verdiensten zählt die Erschließung des Neubaugebiets Steinach und des Festplatzes. Weil er selbst das Herz eines Landwirts hat, weiß er, wie er sie überzeugen muss. Hartmann verwurzelt die Stadt zudem Anfang der Siebziger im neuen Rhein-Neckar-Kreis. Kreisrat ist er von 1965 bis 1999 und auch Mitglied im Regional- und Raumordnungsverband.

Gemeinsam mit Riehl und den Talstraßen-Bewohnern gehört er zu denen, die sich für das Projekt einsetzen, mit dem Schriesheim auch überregional Bedeutung erlangt: den Branichtunnel. Schon weit über 90 Jahre alt und damals fast noch zeitlos rüstig, verspricht er: Wird die neue Ortsumgehung gebaut, fahre ich mit dem Fahrrad durch. Zu seinem 100. Geburtstag fährt er wirklich durch. Allerdings im Auto, auf dem Beifahrersitz. Ein besonderes Geschenk für ihn von Bürgermeister Hansjörg Höfer. Hartmann ist glücklich an diesem Tag und erlebt knapp zwei Jahre später auch die feierliche Eröffnung mit.

Wie viel wäre über diesen Mann noch zu sagen, der für sein Wirken so viele bedeutende Ehrungen auch über die Stadt- und Kreisgrenzen hinaus erhielt! Über ein Leben, das ein Buch füllt. Eine Biografie über ihn erscheint anlässlich seines 90. Geburtstag. Neben dem Kommunalpolitiker und Funktionär im Tabakbau, ohne den die Tabakprämierung des Mathaisemarkts bis zu ihrem Ende nie eine solche Bedeutung erlangt hätte, zählt der Mensch Peter Hartmann. Der herzlich und hilfsbereit ist und erstaunlich tolerant. Der im Alter von 84 Jahren überhaupt zum ersten Mal im Krankenhaus liegt, nachdem er beim Kirschenpflücken von der Leiter gestürzt war und sich die Rippen gebrochen hatte. Der 60 Jahre lang mit seiner Frau verheiratet ist und deren Tod im Jahr 2007 für ihn das traurigste Ereignis seines Lebens bleibt.

Ja, er ist auch ein Familienmensch gewesen. So begleitete er nicht zuletzt den Weg seiner Ur-Enkelin Katrin als Weinhoheit in den letzten Jahren mit Stolz, deren Amtszeit als Bereichsweinprinzessin just gestern zu Ende ging.

HINTERGRUND
Kurzbiografie: Peter Hartmann
> 21. Oktober 1914: geboren in der Talstraße 114

> 1937: als gelernter Landwirt übernimmt er den elterlichen Betrieb

> 1952: Gründungsmitglied der Freien Wähler

> 1953-1993: Gemeinderat und Stadtrat in Schriesheim, ab 1959 Fraktionsvorsitzender

> 1958 bis 1994: Vorstand der Freien Wähler

> 1961-1983: ehrenamtlicher Vorstand der Raiffeisenbank

> 1964-1993: Bürgermeister-Stellvertreter

> 1965-1999: Kreisrat

> 1967-1991: Vorsitzender im Liederkranz Schriesheim

> seit 1993: Ehrenbürger der Stadt Schriesheim

> 15. April 2018: verstorben in der Talstraße 114

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung