23.04.2018

Poetry Slam in Schriesheim: Drei Frauen überzeugten auf der Bühne des Zehntkellers

Poetry Slam in Schriesheim: Drei Frauen überzeugten auf der Bühne des ZehntkellersDer dritte Poetry Slam des Kulturkreises wurde nicht nur dank der Kandidaten zum kurzweiligen Abend

Sylvie Le Bonheur aus Mannheim schaffte es mit einem rasanten Rundumschlag zum Thema Ehe ins Finale. Foto: Dorn

Schriesheim. (fjm) "Definitiv ein Top-Publikum", sagt Moderator Karsten Hohage, als er in der Pause eine Zigarette raucht. "Sehr entschlossen in der Abstimmung." Sylvie Le Bonheur und Meral Ziegler stimmen mit leichtem Nicken zu. Sie haben ihren Auftritt beim dritten Poetry Slam des Kulturkreises im Zehntkeller schon hinter sich. "Man hat auf jeden Fall das Gefühl, dass sie aufmerksam sind", sagt Ziegler, die für diesen Abend aus Konstanz angereist ist.

Ihre fünf Minuten auf der Bühne hat sie für einen feministischen Beitrag genutzt unter dem Titel "Ich liebe Frauen, ich hasse Frauen". Eine scharfe Kritik am Drang, den überzogenen Ansprüngen der Männer gerecht werden zu wollen. "Männliche Herrschaften, es sind genug für alle da", sagt sie mit ausladender Gestik und lauter Stimme und appelliert an die weiblichen Zuschauer, sich ihrer Opferrolle zu entledigen: "Tu nicht so, als müsse man dich im Bobbycar zur Arbeit schieben."

Duzen ist beim Poetry Slam völlig normal, unter den Wortkünstlern wie im Dialog mit dem Publikum. Die Kandidaten kennen sich meist, auch Meral Ziegler und Sylvie Le Bonheur sind sich schon häufiger begegnet. Letztere kam zum Slammen, als sie eine "Word up"-Veranstaltung in Heidelberg anschaute. "Da habe ich mich einfach mal angemeldet", sagt die Mannheimerin. Inzwischen ist sie in der Szene zuhause, im Zehntkeller schafft sie es mit ihrem unterhaltsamen Rundumschlag "Lebst Du noch oder heiratest Du schon" dank tosendem Applaus ins Finale.

Viele Kandidaten haben sich Beziehungen als Thema ihrer Beiträge herausgesucht. Die jüngere Generation wird dabei von Daniel Wagner aus Heidelberg mit dem "Todlichtmilieu der Zwangspostitution" und unzähligen Wortwitzen zu Tinder, Selfies und Likes bedient. Die Älteren kommen bei Anna Teufel aus Karlsruhe auf ihre Kosten, die einen bewegenden Nachruf auf ihre fast 90 Jahre alte Nachbarin "Frau Maier" verliest.

Die immer nach Tee und Seife roch, zu viel Brot und Hefezopf kaufte und es dann an die Studenten weitergab, Weihnachts- und Ostergrüße verteilte und plötzlich starb. "Sie waren unsere Frau Maier", sagt Teufel. "Sie waren nicht irgendeine, sie waren echt verdammt cool." Damit trifft sie einen Nerv beim Schriesheimer Publikum, fast jeder im Zehntkeller hat eine Person als eigene Frau Maier vor Augen. Für Anna Teufel geht es damit ins Finale.

Dort trifft sie auch auf Lisa Maria Olszakiewiecz aus Stuttgart, die ihre Fabel einer männlichen Biene mit Tanzbegabung auf der Suche nach Selbstverwirklichung in der Vorrunde ohne Vorlage und ohne Fehler präsentiert. Auch der zweite Beitrag überzeugt: ein modernes Märchen zwischen Partyleichen und Feinstaubteppich in einer Kneipe in Stuttgart, mit einer magischen Toilette, Herzschmerz, Brandstiftung und Happy End - wieder auswendig vorgetragen.

Anna Teufel erntet mit ihrem Text aus der Sicht eines Kindes mit Down-Syndrom, einem Plädoyer für Inklusion, Offenheit und Toleranz mindestens genauso viel Applaus, Moderator Karsten Hohage muss das sonst so entschiedene Schriesheimer Publikum um 22.42 Uhr ein zweites Mal um Abstimmung per Beifall bitten. Olszakiewiecz gewinnt.

Knapp drei Stunden dauert die Veranstaltung da bereits. "Das verging wie im Flug", findet Bürgermeister Hansjörg Höfer, der sich bei seinem ersten Poetry-Slam-Besuch über ein altersmäßig bunt gemischtes Publikum freut, das auch von außerhalb kommt. Dass der Abend kurzweilig bleibt, liegt aber nicht nur an den neun Kandidaten, sondern auch an Moderator Hohage und Tilman Claas, der als Ein-Mann-Mariachi-Band, Country-Sänger und Stimmungsmacher in grauem Polohemd, Jeans und Adiletten an der Gitarre auf hohem Niveau herumblödelt.

"Word up"-Organisator Frank Habrik scheint eine Mischung gefunden zu haben, die zum Schriesheimer Publikum passt - sehr zur Freude des Kulturkreises. Der nächste Poetry Slam ist jedenfalls bereits für November geplant.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung