22.12.2005

„Wir wollten niemals 100 Prozent Grün‘ durchsetzen“

GL-Fraktionssprecher Christian Wolf im RNZ-Interview zu den Folgen der Bürgermeisterwahl – Bernd Molitor rückt in den Gemeinderat nach

Schriesheim. (cab) Der Fraktionsvorsitzende der Grünen Liste im Gemeinderat, Christian Wolf, äußert sich nach dem Sieg seines Fraktionskollegen Hansjörg Höfer bei der Bürgermeisterwahl zur künftigen Rolle seiner Fraktion im Gemeinderat, zu Veränderungen in Schriesheim und auch darüber, was bei der Wahl den Ausschlag gab.

Herr Wolf, auf der Wahlparty von Hansjörg Höfer haben Sie gesagt, einige würden daran zu knabbern haben, dass künftig ein Grüner auf Peter Riehls Stuhl sitzen wird. War Höfers Position als unabhängiger Kandidat also doch nur Wahltaktik?

Hansjörg Höfer hat seine Herkunft nie verleugnet. Aber er hat sich auch bewusst nie von der Grünen Liste als Kandidat aufstellen lassen. Deshalb ist er auch niemandem gegenüber verpflichtet. Er ist ein unabhängiger Kandidat gewesen und wird ein unabhängiger Bürgermeister sein.

Bürgermeister Riehl glaubt, dass die Grünen jetzt versuchen werden, ihre Auffassung von Stadtgestaltung, Lebensqualität und bürgerlichem Zusammensein durchzubringen. Hat er Recht?

Die Angst, dass alles aus 32 Jahren Amtszeit Riehls auf den Kopf gestellt wird, ist unbegründet. Jeder Bürgermeister hat aber seinen eigenen Stil. Deshalb wird es natürlich Veränderungen geben, das wollten die Wählerinnen und Wähler ja auch. Die Grüne Liste im Gemeinderat hat allerdings nur ein Viertel der Wählerinnen und Wähler in Schriesheim hinter sich. Dieses Viertel wurde bisher unter Riehl links liegen gelassen. Ich hoffe, dass sich das jetzt ändern wird. Wir möchten in dem Maße, in dem die Bevölkerung hinter uns steht, in Entscheidungen berücksichtigt werden.

Wie hoch wird der Druck der Grünen Liste auf Höfer sein? Gibt es Erwartungshaltungen?

Wir sind erfahren genug, um zu wissen, dass ein Bürgermeister Höfer Kompromisse eingehen muss – und will. Wir stehen zu guten Kompromissen und wollten niemals „100 Prozent Grün“ durchsetzen. Das wäre ja auch unsinnig. Das würde dem Willen der Bevölkerung gar nicht entsprechen. Im Übrigen müssen wir bei allen Wünschen und Vorstellungen immer das finanziell Machbare im Auge behalten.

Sie werden in Zukunft in der Fraktion auf Höfer verzichten müssen. Ein weinendes Auge?

Nein. Wir sind erstmal nur froh, dass er es geschafft hat. Im Übrigen ist die Wahl Höfers zum Bürgermeister für uns auch die Chance für einen noch stärkeren Generationenwechsel.

Wer rückt nach?

Bernd Molitor, der zu der ganz jungen Generation gehört. Wir werden damit die beiden jüngsten Stadträte in unseren Reihen haben. Darauf freuen wir uns sehr.

War sich das bürgerliche Lager nach dem ersten Wahlgang zu sicher oder war Hansjörg Höfer in den drei Wochen bis zur Neuwahl zu stark? Was, glauben Sie, hat die Wahl entschieden?

Es gab zwischen dem ersten und dem zweiten Wahlgang eine breite Bewegung für einen Schriesheimer, den man kennt und den man einzuschätzen weiß. An dieser Bewegung haben übrigens Mitglieder aller Schriesheimer Parteien teilgenommen. Für mich war es sehr beeindruckend, wie stark doch diese Bürgermeisterwahl eine Persönlichkeitswahl und keine Parteienwahl war.

Herr Riehl hat gesagt, die bisherige Mehrheit im Gemeinderat sei jetzt „Opposition“. Die Grüne Liste ist demnach „Regierungspartei“?

Ich halte das für kompletten Unsinn! Gerade Riehl hat immer darauf bestanden, dass es im Gemeinderat weder Regierung noch Opposition gibt. Außerdem hat sich an den Mehrheitsverhältnissen im Gemeinderat ja nichts geändert.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung