19.10.2007

„Die Hemmschwelle sinkt, es kommen immer mehr"

„Die Hemmschwelle sinkt, es kommen immer mehr"Von Karin Katzenberger-Ruf

Auch der Schirmherr der Schriesheimer Aktion zum "Tag der Armut", Bürgermeister Hansjörg Höfer, schaute am Stand von Talhof, Stammberg und "Appel & Ei" vorbei. Foto: Dorn
Der 17. Oktober ist schon seit einigen Jahren "Internationaler Tag der Armut". Dann tritt die Liga der Freien Wohlfahrtspflege an die Öffentlichkeit. Schwerpunkt in diesem Jahr: das Wohnen. Wer die "Wiedereingliederungshilfe" im Talhof in Anspruch nimmt, lebte zuvor meistens auf der Straße. Die Einrichtung der Evangelischen Stadtmission feiert demnächst ihr 25-jähriges Bestehen und ist Auffangstation für viele Menschen. Zum Talhof gehört auch eine Gärtnerei, in der ehemals Wohnsitzlose eine neue Aufgabe finden.

Samstags ist der Talhof stets mit einem Obst- und Gemüsestand auf dem Wochenmarkt vor dem Alten Rathaus präsent. Gleichwohl war am Mittwoch vorerst letzte Gelegenheit, dort Obst und Gemüse einzukaufen. Die Gärtnerei hat erst mal Winterpause.

Zum "Tag der Armut" informierte der Talhof an Stellwänden über seine Arbeit. Vor Ort erzählte Heimleiterin Heidi Morath über einen "Wiedereingliederungsfall", der ihr Sorgen macht. Es geht um einen Mann, der im Heim wohnt, also die "stationäre Hilfe" in Anspruch nimmt, bei einem Verein einen Aushilfsjob hat, aber dort als Empfänger besagter Hilfe nicht länger arbeiten darf und auch kein Arbeitslosengeld erhält. Da sind entsprechende Gesetze also nur kontraproduktiv. Mal sehen, was in dem Fall juristisch möglich ist. Im Altenpflegeheim Stammberg, am Stand vor dem Alten Rathaus durch den Leiter Peter Prott vertreten, gibt es übrigens rund 30 Prozent Sozialhilfeempfänger. Der Heimleiter weiß, dass diese – wenn sie von den Angehörigen nicht entsprechend unterstützt werden – durchaus Abstriche machen müssen, sich kaum noch den finanziellen Eigenanteil für Medikamente leisten können oder auf den Friseur verzichten müssen.

Laut Prott kommen in letzter Zeit immer mehr Anfragen bezüglich der Aufnahme im Heim, obwohl die Pflegebedürftigkeit noch nicht bescheinigt ist. Ähnliche Erfahrungen hat Heidi Morath gemacht. Demnach sind der Talhof, aber auch das Wichernheim in Heidelberg trotz bislang guter Witterung derzeit voll belegt. Also ist auch das Überleben auf der Straße schwerer geworden. Bürgermeister Hansjörg Höfer informierte sich ebenfalls über den Aktionstag.

Seinen Worten nach gibt es in Schriesheim kaum noch städtische Sozialwohnungen. Bezüglich der Wohnungen "In den Fensenbäumen" sei er mit der Bauhütte Heidelberg im Gespräch und gehe davon aus, dass sich am bisherigen Mietpreis etwas ändern werde. Armut in der Stadt erlebe er mitunter hautnah. Etwa wenn es darum geht, Witwen die Wasserrechnung zu stunden, weil sie den Betrag (der sich meistens nur zwischen 50 bis 80 Euro bewegt) einfach nicht zahlen können. Er wusste auch von jungen Familien, die in Zahlungsnöte geraten, weil nach der Geburt eines Kindes ein Einkommen wegfällt. "Die Hemmschwelle sinkt, es kommen immer mehr", weiß Urich Schmidt, der für die Caritas den Weinheimer Laden "Appel & Ei" managt.

Dort gibt es dank der Spenden von Geschäften und Firmen das Kilo Äpfel schon für 40 Cent, den Kopfsalat für 20 Cent oder Joghurt für 10 Cent. Im Einzugsbereich entlang der Bergstraße gibt es 1500 "Berechtigte" mit geringem Einkommen, die in dem Geschäft in der Bergstraße 73 in Weinheim einkaufen können. Um die 100 kommen regelmäßig. Geöffnet ist montags bis freitags von 11 bis 12.30 Uhr sowie von 14 bis 17 Uhr.

Am Informationsstand in Schriesheim (die Waren dienten dort nur zur Dekoration) gab es am "Tag der Armut" nicht allzu viele Anfragen. Ob sich der Einkauf in Weinheim für Bedürftige aus Schriesheim lohnt, wäre sicher auch davon abhängig, ob sie dort kostenlos hinkommen.

Der Talhof ist in diesem Jahr übrigens doch noch einmal vor dem Alten Rathaus präsent. Dies mit einem "Adventsstand" Ende November.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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