25.08.2008

„Stahloper" setzt Forschner-Werkstatt nebenbei ein Denkmal

Von Carsten Blaue.

Schriesheim/Mannheim. Mitte September werde wohl der Abriss beginnen, sagt Volker Forschner. Bis Ende Oktober soll jedenfalls alles weg sein. Danach wird an den Traditionsbetrieb Forschner in der Römerstraße nicht mehr viel erinnern. Noch stemmen sich die Werkstatthallen in ihrer ganzen Größe trotzig gegen ihr Ende. Zwischen Autos stehen Werkzeuge, Ersatzteile und Maschinen. Es riecht nach Schmierstoffen, Benzin und Gummi. Ein Schlag mit einem Schraubenzieher gegen eine Felge hallt lange nach an diesem Freitagabend. Die Flucht der verwinkelten Werkstatt liegt im Dunkel. Man muss aufpassen, dass man nicht über irgend etwas stolpert. Nur von links werfen starke Strahler ein gleißendes Licht auf eine Ecke, in der scheinbar beliebig Schrott, Bleche und Werkzeug aufgestellt sind. Überall liegen Kabel. Mikrofone sind ausgerichtet. Der Mannheimer Musiker und Performer Norbert Schwefel und seine Band sind bei der Arbeit – an Schwefels 48. Geburtstag. Sie drehen im Betrieb der Forschners eine Filmsequenz, die Teil werden soll von Schwefels neuem Projekt, der "Stahloper" in elf Akten. Diese könnte der Werkstatt ganz nebenbei ein Denkmal setzen. Auch wenn es in der "Stahloper" um etwas ganz anderes geht. Schwefel filmt hier jedenfalls, weil die Location ideal ist und weil es nahe liegt. Volker Forschner ist ein langjähriger Freund von ihm.

Schwefel arbeitet seit etwa zwei Jahren an dem rund anderthalbstündigen Werk, das noch in diesem Jahr im Mannheimer Theaterhaus "TiG 7" uraufgeführt werden soll. Vergangenes Jahr, bei Schwefels fünften "Sulphur Sonic Festival" in der Quadratestadt, präsentierten er und seine Band die "Stahloper" schon mal in ihrer damaligen Fassung: "Das war im Anfangsstadium", sagt Schwefel, der sich in den 1980ern mit Songs wie "Schizophrenic Party" und "Metropolis" in den Top-Ten der Independent-Charts hielt. Seine Oper erzählt – auch in Zeitsprüngen – Geschichten aus dem Mannheimer Jungbusch und bewegt sich zeitlich zwischen 1945 und heute.

Das multikulturelle Viertel, das gerade dabei ist, seinen Ruf mit studentischem Flair und der kreativen Kraft junger Künstler aufzupolieren, hat eine wechselhafte Vergangenheit und Gegenwart, die Schwefel vor Augen führt – eine Liebesgeschichte inklusive. Kulturelle Vielfalt steht sozialen Missständen gegenüber. Es sind Gegensätze in einer industriell geprägten Metropole, die Schwefel thematisiert.

Daher führt er ungewöhnliche Instrumente in seine Band ein, die der Industrie entliehen sind: Ölfässer, Stahlschienen, Bleche, Pressen und Flexe. Diese Musik kann also gar nicht konventionell sein. Zudem fließen in die "Stahloper" Titel aus Schwefels jüngster CD "Weinheim Tea Party" ein, die ebenfalls noch dieses Jahr veröffentlicht wird.

Die Inszenierung fußt auch auf dem Zusammenwirken von realem Bühnengeschehen und vorproduzierten Videosequenzen. Es ist die Szene der Stahlwerker in ihren weißen Anzügen, die Schwefel in Schriesheim aufnimmt. Die "Instrumente" dafür hat er sich schon vorher in Forschners Werkstatt ausgesucht, darunter Felgen, Federn, Ketten und ein Ölfangbehälter. Das Klangergebnis ist sehr "percussiv". Man darf gespannt sein, wie es sich in die "Stahloper" einfügen wird.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung