02.11.2009

Römische Funde fallen Straßenbau zum Opfer

Von Carsten Blaue.

Schriesheim. Noch eine Woche kann man die römischen Fundamente sehen, die jetzt von Archäologen der Reiss-Engelhorn-Museen ("rem") an der Branichtunnel-Baustelle ausgegraben wurden (wir berichteten mehrfach). Danach muss der Fund dem Straßenbau weichen – die Trasse der neuen L 536 führt genau über die Grabungsstelle. "Da blutet einem natürlich immer das Herz", sagte Grabungsleiter Dr. Klaus Wirth, der Abteilungsleiter Archäologische Denkmalpflege und Sammlungen der "rem". "Wir haben keine rechtliche Handhabe, das alles hier zu bewahren", so Wirth.

Zumal die Funde zwar kulturhistorisch durchaus von großem Wert und recht bedeutend sind – aber eben nicht wirklich einmalig. Sie sind Teil einer "villa rustica" aus dem zweiten und dritten Jahrhundert, der sogenannten "villa schanz". Und in ganz Baden-Württemberg wurden nach Wirths Angaben bisher etwa 3000 solcher Gutshöfe gesichert.

Dennoch wollen Bürgermeister Hansjörg Höfer und Archivar Dr. Dirk Hecht einen kleinen Teil der neuen Entdeckung bewahren. Und zwar die gut erhaltene Eingangsschwelle des Repräsentationsbaus, auf dessen Reste die Archäologen nur 15 Zentimeter unter der Oberfläche stießen. Gestern informierten sich Höfer und Hecht an der Grabungsstelle aus erster Hand. "Wir suchen für die Schwelle einen schönen Platz", sagte der Bürgermeister. Der Archivar schlug das Alte Rathaus als permanenten Austellungsort vor.

Zwar gehören die Funde denkmalschutzrechtlich dem Land. Wirth sah aber keine Hindernisse, den Stein der Stadt zu überlassen – zumal es sich um ein bedeutendes Baudenkmal handele und man so gut erhaltene Schwellen nur selten finde, so der Grabungsleiter. Sein Kollege Benedikt Stadler wies noch auf den seltenen Umstand hin, dass der Eingang nicht mittig angelegt worden sei, sondern nach Norden verschoben. Erstaunlich für die sonst so gerade planenden Römer, fand auch Wirth.

Die Putzkante am Mauerwerk des ausgegrabenen Fundaments ist ebenfalls noch zu sehen, ebenso aufgemalte, lineare Strukturen an der Ostseite des Gebäudes, was auf seine repräsentative Funktion hindeutet. Hecht wollte nicht ausschließen, dass es sich um ein Heiligtum gehandelt haben könnte. Dafür fehlten zwar archäologische Hinweise, "aber warum nicht?", fragte sich Wirth. Bis zum Beweis des Gegenteils könne man das behaupten. Sicher ist, dass die Römer den Gutshof "besenrein" (Hecht) hinterlassen haben. Auch Wirth hält an der These des "systematischen Abbaus nach innen" fest (wir haben berichtet). Innerhalb des etwa vier auf neun Meter großen Fundaments fanden Archäologen eine Schuttschicht und darunter Reste von Dachziegeln, aber keine Holzreste. Wo sind die Deckenbalken, wo der Großteil der Dachziegel und der Fußboden? Wäre das Gebäude einfach eingestürzt, hätte man auch Holz in der Verfüllung des Fundaments finden müssen.

Wirth und Hecht sind sich einig, dass die Römer das verwertbare Material mitgenommen haben und die "villa schanz" nicht fluchtartig verließen. Auch die Gründe für den Abzug waren gestern nochmal Thema an der Grabungsstelle.

Wirth glaubte an eine große Verunsicherung der romanischen Bevölkerung, seit durch die Alamannen-Einfälle der Schutz des Limes nicht mehr gegeben war. Die Römer hätten sich auf linksrheinisches Gebiet zurückgezogen. Er erinnerte aber auch an Dr. Renate Ludwigs Thesen im Jahrbuch 1998. Die Leiterin der Abteilung Archäologie/Untere Denkmalschutzbehörde am Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg hatte darüber hinaus wirtschaftliche Gründe, Umweltprobleme und auch innere Unruhen für plausibel erachtet.

Sicher ist, dass Überschwemmungen in späteren Zeiten die Topografie des ehemaligen Grundbesitzes der "villa rustica" sowie in dessen Umfeld veränderten. Dafür ist eine Eisenoxyd-Schicht ein deutlicher Hinweis, die die Archäologen im Erdreich fanden. Diese bilde sich an Stellen, an denen das Wasser "steht", erläuterte Wirth.

Dieser kündigte an, dass er gerne die aktuellen Grabungsergebnisse mit denen von 1970/71 zusammenführen würde. So entstünde eine vollständige Dokumentation. Gefunden habe er für dieses Projekt noch niemanden: "Aber wir können auf jeden Fall schon mal alles digitalisieren." Auch das ist ein kleiner Trost, wenn nächste Woche die Bagger anrücken.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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