28.12.2010

"Es ist nicht mehr schön"

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Lothar Koch kann doch noch lächeln. Er lächelt tapfer über seine Müdigkeit hinweg. Seit Wochen steht er morgens um vier auf. Die Wetterbeobachtung zwingt ihn früh aus den Federn in diesem früh eingebrochenen, schneereichen Winter. Damals, als Klaus Landwehr noch lebte, teilte Koch sich diese Aufgabe mit ihm. Jetzt hängt es an ihm alleine. "Es ist nicht mehr schön", sagt der Bauhofleiter über den diesjährigen Winterdienst. Koch und sein Team schaffen an der Belastungsgrenze. Und ein Ende ist erstmal nicht in Sicht.

Seit dem 26. November haben sich gut 145 Überstunden im Bauhof angesammelt. Genau 25 Mal mussten seit dem ersten Schnee die Straßen gestreut werden: "Aber wir waren sparsam mit unserem Salz", sagt Koch. Daher sind die Silos nicht leer. Noch nicht, schränkt er ein: "Wenn es jetzt etwas ruhiger wird, sind wir auf der sicheren Seite. Andere Gemeinden sind da wesentlich schlechter dran." Manche haben schon gar kein Streusalz mehr, Schriesheim hat immerhin noch 30 von ursprünglich 90 eingelagerten Tonnen. Und wenn die nicht reichen? "Dann müssten wir Splitt streuen", sagt Koch. Was er aber gar nicht gut findet. Die kleinen Kiesel würden später die Kanalisation belasten, außerdem können sie beim Ausbringen an geparkten Autos für Lackschäden sorgen - gerade an engeren Stellen. Wenn es taut, wird Splitt zudem zu einer rutschigen Angelegenheit, zum Beispiel für Fahrradfahrer. Dennoch: Splitt ist besser als gar nichts. Die Stadt hat davon 20 Tonnen auf Lager.

Koch und drei seiner Mitarbeiter sind permanent auf dem Unimog sowie auf einem Bulldog mit Räumschild im Winterdienst. Dazu kommen acht Bauhof-Schaffer, die ständig die Gehwege freischaufeln und an Schulen sowie Kindergärten ihren Dienst tun. Viel Zeit zum Ausruhen bleibt da nicht: "Und teilweise fahren wir zwei bis drei Mal am Tag", sagt Koch. An den Weihnachtstagen war das nicht anders: "An Heiligabend zwei Mal - einmal morgens, einmal abends. Am 25. Dezember das gleiche Spiel, am 26. Dezember das gleiche Spiel und heute auch", studiert Koch gestern Mittag seine Statistik. Die braucht er auch, um die Überstunden seiner Leute überblicken zu können: "Merken kann man sich das ja gar nicht mehr". Gerade an Weihnachten war der Winterdienst mehr als nur Arbeit, sondern auch eine familiäre Belastungsprobe: "Wir haben hier junge Familienväter mit kleinen Kindern. Gerade für sie war der Räumdienst an Heiligabend besonders schwierig", weiß Koch, der an sich nichts gegen "weiße Weihnachten" hat - wenn die Straßen frei und das Wetter schön, kalt und trocken ist.

Er vermisst das Verständnis in der Bevölkerung: "Teilweise sind die Bürger wirklich unvernünftig. Am schlimmsten ist es, wenn die Autos so geparkt werden, dass wir nicht mehr mit unserem Fahrzeug durchkommen. Und dann regt man sich über uns auf, dass wir nicht räumen. Oder wir haben gerade geschoben, und dann schmeißen die Leute den Schnee von ihren Gehwegen gerade wieder auf die Straße, anstatt an den Gehwegrand oder nach Möglichkeit in den Vorgarten." Dinge, die nicht sein müssen. Koch weist darauf hin, dass 80 Zentimeter geräumte Gehwegbreite vollkommen ausreichen.

Es könne auch sein, erläutert Koch, dass das Schneeschieben und Salzstreuen für die Stadt manchmal gar keinen Sinn macht. Wenn es tagsüber nämlich taut und nachts wieder anzieht: "Das Salz greift dann gar nicht so schnell, und bei minus acht Grad Celsius verliert es sowieso seine Tauwirkung." Da helfen nur noch höhere Temperaturen. Womit man bei Kochs größtem Wunsch wäre: "Ich sehne mich nach Sommer. So 24 bis 26 Grad, das wäre es jetzt." Und schon lächelt Koch noch ein bisschen mehr.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung