28.07.2011

Für die Aufweitung und die Verschwenkung

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Groß wie lange nicht war gestern die Zahl der Zuhörer im Gemeinderat. Spätestens als die meisten Bürger nach dem vierten Tagesordnungspunkt wieder gingen, wusste man, dass es vor allem Bürger vom Branich, aus der Odenwaldstraße und aus der Zentgrafenstraße gewesen waren. Das Gremium befasste sich in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause mit dem illegalen Schleichweg vom Branich über den Winzerweg im Laubelt und die Odenwaldstraße ins Tal.

Zunächst hatte die Verwaltung eine Sperrung durch Poller am Ende der Branichstraße vorgeschlagen, reichte dann aber einige Tage vor der Sitzung einen Kompromiss nach: Die Abkürzung für die 900 Branichbewohner soll zwischen dem letzten Haus der Odenwaldstraße und dem neuen Weg hinter dem Friedhof dicht gemacht werden. So führe man künftig über den Friedhofsweg und die Leutershäuser Straße in die Ebene. Die Variante bekam dann auch die Mehrheit - gegen die Stimmen von SPD, von Wolfgang Fremgen und Heinz Waegner (beide GL) und von Jutta Becker (FW). Dr. Herbert Kraus (FW) enthielt sich.

Es war der Spagat zwischen verkehrsrechtlicher Notwendigkeit und den Argumenten, die nicht zuletzt CDU-Stadträtin Isolde Nelles auch als Vorsitzende der IG Branich unter Applaus der Bürger vom Berg vorbrachte. Die Ovationen wolle er mal durchgehen lassen für die IG-Vorsitzende, kommentierte Höfer nachsichtig die eigentlich nicht zulässige Beifallsbekundung aus den Zuhörerreihen. Nelles verstand die abenteuerliche Abkürzung als "Notabfahrt", wenn die Talstraße oder die Branichstraße mal wieder verstopft sind.

Was dann, wenn Feuerwehrangehörige zum Einsatz ins Tal müssen, wenn es auf dem Branich selber brennt oder wenn schnell ärztliche Hilfe erforderlich ist? Gerade auch alte Menschen müssten von Angehörigen immer erreichbar sein. So warb Nelles für den Verwaltungskompromiss, von dem nicht zuletzt auch der tägliche Schleichverkehr weiterhin profitieren wird - also die Hauptnutzer, wie eine Verkehrszählung der Anlieger der Odenwaldstraße vermitteln will. Nach ihrer Erhebung sind es bis zu 600 Fahrzeuge täglich. Dabei versicherte Nelles, dass es ihr "gewiss nicht" um das "tägliche Durchfahren" gehe. Wie auch immer: "Das Problem wird nur verlagert", wie Sebastian Cuny (SPD) feststellte. So sah es auch Becker. Cuny kritisierte zudem, dass es bisher "keinerlei Unrechtsbewusstsein bei der illegalen Durchfahrt" gab. Selbst Verbotsschilder seien einfach ignoriert worden.

Manchmal mit schlimmen Folgen, wie Bürgermeister Hansjörg Höfer eingangs darlegte. Unfälle habe es gegeben, Fußgänger seien angefahren worden. Das könne man ihm ruhig glauben, erwiderte er auf Paul Stang (CDU), der die Statistik der Polizeidirektion Heidelberg bemühte, die in den vergangenen fünf Jahren keinen Unfall an dieser Stelle registriert hatte (dafür gab es wohlwollendes Gelächter der Branich-Anlieger).

Auch die Werbung um Rücksicht brachte nichts, Kontrollen der Ordnungsbehörde auch nicht, wie Höfer weiter ausführte. Nach einer Verkehrstagesfahrt vor zwei Jahren verlangte das Landratsamt nun eine Stellungnahme der Stadt: "Jetzt nichts zu tun, geht also gar nicht mehr", sagte Christian Wolf (GL). Man habe ja Verständnis für die Branichbewohner. So bleibe nur die Zustimmung zum Kompromiss. Sein Fraktionskollege Robert Hasenkopf hielt es wie Höfer: Es sei unmöglich, die Laubeltabfahrt zum öffentlichen Weg auszubauen. Der müsste vier Meter breit sein und sei zudem nicht zu bezahlen für die Stadt. Überhaupt sei der Ausbau gar nicht gewollt.

Höfer lag zudem eine Stellungnahme vor, die 100 Branich-Bewohner unterzeichnet hatten. Schon sie brachten Nelles' Argumente vor. Vor diesem Hintergrund zeigte sich auch Dr. Wolfgang Metzger (FW), der Direktor des Heinrich-Sigmund-Gymnasiums auf dem Branich, dankbar für den städtischen Kompromiss. Die Kosten des Wegausbaus wollte er aber nicht gelten lassen. Es könne keine Güterabwägung geben mit einem Leben, wies er auf die Notfälle hin. Hans-Jürgen Krieger sah nur eine Chance, eine legale Situation herzustellen: Durch eine bewegliche Absperrung oben an der Branichstraße, die im Ernstfall geöffnet werden könne. Damit stand Krieger nicht für die Mehrheit.

Größere Einigkeit gab es bei den Präferenzen zur Platzgestaltung am OEG-Gelände. Thomas Thiele von MVV Regioplan stellte die Varianten für die beiden Plätze vor, in die die Ideen des Bürgerwettbewerbs eingearbeitet wurden (wir haben berichtet). Zwei Gestaltungsvorschläge fanden ein breites Echo im Gemeinderat: die Aufweitung der Unterführung am Bahnhof und die Verschwenkung der Schillerstraße im Bereich der Theodor-Körner-Straße. Wie die Plätze letztlich aussehen - ob mit Bouleplatz, Pflasterbändern für "Bewegungsachsen", Sitzgelegenheiten oder Begrünungen - wird ein Ausschuss des Gemeinderates im September herausarbeiten. Dann geht es auch um Materialien und die Art der Beleuchtung.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung