11.08.2011

"Das kann ein Jahrhundertjahrgang werden"

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Das Wetter war gestern die passende Kulisse für diesen letzten Rebrundgang, den die Winzergenossenschaft (WG) ihren Winzern vor der diesjährigen Weinlese angeboten hat. Erst regnete es, zum Schluss schien die Sonne aus einem blaugrauen Himmel, und richtig warm war es dabei eigentlich nie. Irgendwie nichts Halbes und nicht Ganzes: "Laufend haben wir etwas Regen. Das passt mir überhaupt nicht. Aber wenigstens ist es kühl dabei. So haben wir weniger Probleme mit Botrytis", meinte Weinbauberater Tim Ochßner vom Landratsamt Karlsruhe, der mit den Weinbaugenossen einige Anlagen exemplarisch in Augenschein nahm. Und WG-Qualitätsexperte Peter Haas meinte: "Wir hatten genug Wasser." Trockenheit und Kühle seien jetzt angesagt für den Wein. Und der könnte dieses Jahr bombig sein.

"Wir sind voll im Potenzial. Es macht Spaß, die Weinberge anzuschauen. Das kann ein Jahrhundertjahrgang werden, wenn das Wetter mitspielt und wir die Qualität in den Oktober retten können", meinte Ochßner gerade mit Blick auf die großen Roten. Pilzbefall ist im Großen und Ganzen kein Thema, wie Haas ausführte.

Die Anlagen seien frei von Peronospora und Oidium. Mit etwas Botrytis gehe es jetzt los, "aber das ist üblich". Wenn es nur nicht zu warm wird: "Ich habe Angst vor einem Badehosenherbst", sagte Ochßner. Zu warm sollte es auch während der Lese nicht sein. Lieber ist ihm da von den Temperaturen her schon das jetzige "Aromawetter", bei dem die Trauben einfach besser an sich arbeiten. Das kenne man aus dem Büro, so Ochßner: "Bei 35 Grad Celsius bekommt man weniger geschafft."

Je nach dem, wie sich das Wetter entwickelt, rechnete Ochßner mit einem Lesestart "ab der Monatswende". Froh wäre er mit einem Herbstbeginn um den 15. September herum, die WG plant für die Zeit nach dem Straßenfest, also ab 6. September. Am 2. September ist die Herbstversammlung in der "Pfalz". Dann werde auch die Säurereserve für den Weißwein ein Thema sein, so Ochßner: "Wenn es jetzt heiß und trocken wird, brauchen wir sie, um die Säuerestruktur in den Weinen zu halten." Dann würden die nicht so weiten Trauben mitgelesen. Wenn die Witterung so bleibe, sehe die Sache anders aus. Bei den Roten gelte dagegen immer: nur gesundes und vollreifes Lesegut.

Eines war Ochßner auf jeden Fall wichtig: "Bleibt aus den Anlagen draußen!" Alles, was jetzt mit Hand in den Weinbergen erledigt werde, berge die Gefahr von Verletzungen der Beerenhäute und Fäulnis. Pilzsporen könnten sogar bei jeder Bewegung auf die Trauben geschleudert werden. Auch mähen sollte man nicht mehr. Für das Traubenteilen ist jetzt ebenso nicht mehr die richtige Zeit. Sollte etwas faul werden, müsse es in der Lese runtergeschnitten werden, sagte Ochßner und zeigte auf eine relativ heftig mit Esca befallene Traube vom Müller-Thurgau: "Hier ist es ein Zeichen für den Stress des kalten Winters". Wie weit die Trauben sind, zeigten die 50 Grad Öchsle beim Müller-Thurgau, 60 Grad wurden in einer Grauburgunder-Anlage gemessen. Auch praller Weißburgunder hängt schon an den Stöcken. Manches Blatt zeigte Kali- und Magnesiummangel. Für Ochßner war es in diesem Fall ein Hinweis für den fortgeschrittenen Reifeprozess. Wie auch immer: Der jetzige Zustand der Weinberge machte ihn fast schon gelassen: "Nur die Nerven behalten", riet er den Winzern für den Herbst: "Jeder gewonnene Tag ist ein guter Tag für den Wein."

Und dass Ochßner nicht nur von Weinbauberatung, sondern auch vom Weinmachen etwas versteht, bewies er nach dem Rundgang. Am Kelterhaus kredenzte er den Genossen von seinen eigenen Weinen, etwa eine 2009er Cuvée vom Cabernet Mitos, Portugieser und Spätburgunder, einen Spätburgunder aus dem Barrique aus dem gleichen Jahr und einen 2010er Riesling Kabinett trocken. Spätestens danach waren sich die WG-Winzer einig, dass Ochßner immer wiederkommen darf - nicht nur zum Beraten.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung