04.11.2011

"Wir scheitern an der Größenordnung"

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Die komplette Vorstandsspitze der Kirchlichen Sozialstation (Kisos) sitzt am Mittwoch am Tisch: Vorsitzender Wilfried Sauer und seine Stellvertreter Günter Warth und Jürgen Albert. Die drei Herren sehen nicht glücklich aus. Sie verkünden das Ende der Tagespflege im Schelmengrubweg. Genau 13 Jahre lang hatte die Kirchliche Sozialstation hier tagsüber schwerst pflegebedürftige Menschen betreut. Zum 31. Dezember ist das vorbei. Nach dem "Essen auf Rädern" ist die Tagespflege der zweite Verlustbringer, den die Kisos abstößt. "Es fällt uns von Herzen schwer", so die drei Vorstände in einem Brief an die Gäste der Tagespflege, der der RNZ vorliegt.

Im April sind die drei Pensionäre angetreten, den Vorsitz der Sozialstation ehrenamtlich zu führen: "Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass wir sechs Monate später die Tagespflege schließen müssen", sagt Warth. Zehn Plätze hat die Einrichtung bis Jahresende, auf denen 25 Personen betreut werden. Manche davon nur tageweise, andere die ganze Woche. Jetzt haben die Gäste eine einmonatige Kündigungsfrist, um aus ihrem Betreuungsvertrag raus zu kommen.

Zwar will die Kisos für ihre Räume im Schelmengrubweg eine "andere soziale Einrichtung" finden, die jene weiter betreibt. Selbst die Stadt frage man, so Sauer: "Sie betreibt schließlich auch Schulen und Kindergärten." Auch auf die AWO sei man zugegangen. Doch diese plant im Burkhardt/Witteler-Komplex des OEG-Areals wohl eine eigene Tagespflege. Wobei Warth zumindest Zweifel äußert, wie das Kosten deckend gehen soll. Ohne Zuschüsse für die Deckungslücke ging es bei der Kisos jedenfalls nie. Seit Gründung der Sozialstation übernahm die Stadt die Hälfte des zuletzt fünfstelligen Tagespflege-Minus. Zumindest bis April, als der Gemeinderat den Geldhahn zudrehte mit Verweis auf EU-Recht. Als Argumentationshilfe habe es ein Gutachten gegeben, so Warth. Die Diakonie lieferte ein Gegengutachten: "In anderen Gemeinden geht die Bezuschussung doch auch", so Sauer. Der städtische Zuschuss ist jedenfalls weg, und das Defizit alleine zu stemmen, übersteige die eigenen Möglichkeiten: "Wir scheitern an der Größenordnung", sagt Sauer. Dazu Warth ergänzend: "Wir haben das mit Zahlen unterlegt." So beschloss das Gremium der zwölf Kisos-Mitgliedsgemeinden die Schließung der Tagespflege. Zuvor gab es Besichtigungen anderer Einrichtungen und Gespräche mit der Diakonie, um die Tagespflege zu retten. Mit dem Ergebnis, dass der finanzielle Rahmen für eine Fortsetzung des Angebots "nicht vertretbar" sei, so Warth - zumal man auch den Fahrdienst inzwischen selber stemme. Zur Frage, warum das Minus der Tagespflege nicht mit mutmaßlichen Überschüssen aus Nachbarschaftshilfe oder Pflegedienst ausgeglichen werde, will der Vorstands-Vize nichts sagen. Sauer beteuert, entweder man trenne sich jetzt von der Tagespflege, oder man habe in vier Jahren ein noch größeres Problem. Verbunden mit dem Aus ist die Einsparung von rechnerisch zwei Vollzeitstellen.

Überhaupt das Personal: Das koste für eine Tagespflege viel Geld. Nur bei einer entsprechenden Auslastung sei das rentabel, so Warth. Und ein Antrag, von zehn auf 20 Plätze zu erhöhen sei vor zwei Jahren an den Räumlichkeiten im Schelmengrubweg gescheitert: "Wir können die Grundfläche nicht erhöhen", sagt Albert.

Dazu kommt, dass die Kisos ihre Angebote nicht an einem Ort zusammenfassen kann und nicht das gesamte Betreuungsspektrum bietet. Auch mit Blick auf das Personal sagt Sauer nach den Lehren aus Visiten anderer Einrichtungen: "Es funktioniert, wenn man eine Einheit darstellt." Wenn also Altenheim, Betreutes Wohnen, Tagespflege und weitere Dienstleistungen unter einem Dach zusammengefasst werden und so für permanente Auslastung der Fachkräfte gesorgt ist. In der Kisos sind der Pflegedienst, die 24-Stunden-Bereitschaft und die Nachbarschaftshilfe mit insgesamt bis zu 200 ständig Versorgten Teile des Kerngeschäfts. "Und die Pflege werden wir nie aufgeben", wie Warth unterstreicht.

Der Gemeinderat hatte nach seinem Beschluss im April die Zuversicht geäußert, dass die Kisos ihre Arbeit in der Tagespflege auch ohne Zuschuss fortsetzen kann: "Das haben wir auch bis zur Schmerzgrenze getan", so Sauer. Diese Grenze ist jetzt wohl überschritten.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung