19.12.2011

"Die Bürger fühlen sich hier wohl"

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Im RNZ-Interview zog Bürgermeister Hansjörg Höfer gestern im Rathaus eine Bilanz des zu Ende gehenden Jahres.

Herr Höfer, waren Sie dieses Jahr zufrieden mit sich und Ihrer Arbeit?

Ja, das war ich. Obwohl es natürlich schwer ist, das selber zu beurteilen. Die ganze Verwaltung hatte dieses Jahr ein hohes Arbeitspensum zu stemmen, auch ich. In der Regel hatte ich eine Siebentagewoche. Ich bin froh, dass ich das so bewältigt habe, wie ich mir das vorgestellt habe.

Waren auch die Bürger zufrieden mit Ihnen?

Ich bin ja immer ansprechbar für die Bürger. Und viele kamen auf mich zu und vermittelten mir eine hohe Zufriedenheit. Man freut sich, in Schriesheim zu leben. Die Bürger fühlen sich hier wohl, sie leben in einer lebendigen, sicheren Stadt. Das Angebot zur Kinderbetreuung ist umfassend, das Vereinsleben rege. Und wir haben noch eine Ortsmitte, in der man gut und in hoher Qualität einkaufen kann.

Stichwort Einkauf: Wie gefällt Ihnen der neue, "autofreie" Wochenmarkt in der Kirchstraße?

Sehr gut. Mein Dank gilt hier besonders dem BDS-Vorsitzenden Rolf Edelmann, der jeden Samstag vor Ort ist, und unserem Wirtschaftsförderer Torsten Filsinger. Der Umzug des Marktes hat sich gelohnt. Er ist zum Treffpunkt geworden.

Große Themen blieben dieses Jahr unvollendet, mit denen Sie fertig werden wollten. So der geänderte Bebauungsplan für das OEG-Areal, das Konzept für die Kleinkindbetreuung und nun auch noch die künftige Organisation der Straßenbeleuchtung. Warum wurden diese Themen nicht so vorbereitet, dass sie abgeschlossen werden konnten?

Die Veränderungen auf dem OEG-Areal sind so gravierend, dass der Gemeinderat hier genügend Zeit brauchte, um sich eine abschließende Meinung zu bilden. Es geht dabei um Details, der große Wurf ist mit dem Bebauungsplan ja schon geglückt. Bezüglich der Straßenbeleuchtung haben wir erst spät die Eckdaten bekommen, die wir zur Vorbereitung des Themas brauchten. Das ist zudem komplexer als man denkt. Es braucht Zeit. Entschieden ist schnell etwas, die Auswirkung aber groß. Bei der Kleinkindbetreuung eröffneten sich für uns unterschiedliche Standortvarianten, deren Analyse ebenfalls nicht von heute auf morgen abgeschlossen ist.

Zu jedem dieser Themen gibt es einen Arbeitskreis des Gemeinderats, insgesamt sind es inzwischen sechs. Abgesehen von der Mehrarbeit für alle Beteiligten: War da nicht ein Teil der Beratung bewusst hinter verschlossene Türen verlegt?

Im Gegenteil. In den Arbeitskreisen werden keine Festlegungen getroffen, die der Gemeinderat später nur noch abnickt. Es geht darum, intensiver in Themen eindringen zu können, um die öffentliche Diskussion danach umso fundierter zu führen. Eine absolute Mehrbelastung ist das aber auf jeden Fall.

Der Winterdienst in Altenbach wurde dieses Jahr wieder in die Hände der Stadt zurückgeführt ...

... wie wir es schon bei den Hausmeisterdiensten und der Stadtbibliothek gemacht haben. Damit haben wir die Rekommunalisierung städtischer Aufgaben abgeschlossen. Das bedeutet auch eine strukturelle Veränderung des Haushaltes. Wir können diese Aufgaben günstiger erledigen.

Auch besser?

Im Falle des Altenbacher Winterdienstes müssen und werden wir das noch beweisen.

Beschlossen wurde eine Kinderkrippe im Gewerbegebiet. Wo würden Sie persönlich noch gerne eine solche Einrichtung sehen?

Auf dem OEG-Areal neben dem Raiffeisenmarkt. Diese Plätze sind aber nicht kurzfristig zu haben. Auch die "Stammberg"-Variante, das Nebeneinander von Jung und Alt hätte seinen Reiz. Allerdings liegt das Alten- und Pflegeheim etwas außerhalb der Stadt.

Glauben Sie an das Ärztehaus am Bahnhof? Die Grünen misstrauen ja den Investoren bezüglich der Nutzung des Gebäudes.

Der Bebauungsplan sieht hier Gewerbeflächen vor, und was hier geschieht, hängt nicht von meinem Glauben ab. Zwar sind alle Schriesheimer Ärzte, die sich hier ansiedeln wollen, abgesprungen. Aber ihr Interesse an einem Ärztehaus zeigt, dass es Bedarf für gemeinsame Praxisräume gibt.

Echte Bürgerbeteiligung gab es durch den Ideenwettbewerb zur Platzgestaltung am OEG-Areal. Viel Kritik gab es aber von den Schillerstraßen-Anwohnern. Sie fühlten sich nicht ausreichend informiert.

Wir haben viele Informationsmöglichkeiten angeboten: beim Bürgertag, im Feuerwehrhaus und auch über die Presse. Das Angebot war da, man musste es nur annehmen.

Ein Angebot an die Bürger ist auch das Sanierungsgebiet rund um die Ladenburger Straße.

Es wird auch angenommen. Es sorgt für die Chance nachhaltiger Veränderungen im Stadtbild. Ich würde das Sanierungsgebiet gerne in der Talstraße zunächst bis zur Weinheimer Straße erweitern und nach Abschluss des Tunnelbaus darüber hinaus. Durch das Sanierungsgebiet konnten wir zudem die Mehrzweckhalle energetisch sanieren.

Oft war der Vorwurf zu hören, die Halle hätte schneller saniert werden können. Was sagen Sie dazu?

Von Anfang an stand fest, dass die Halle ein Jahr lang nicht zur Verfügung stehen würde. So gesehen, sind wir früher fertig geworden und einen Monat schneller gewesen.

Auch auf dem Gelände der Obdachlosenunterkünfte sieht es noch wild und nach Baustelle aus.

Das Bauamt hat zugesichert, dass die Maßnahme bis zum Jahresende abgeschlossen ist. Aber auch das geht nicht so einfach, wie man sich das denkt. Man kann nicht einfach Container hinstellen und die Menschen umsetzen. Sie hatten zu Recht Einspruchsmöglichkeiten, die wiederum an Fristen gebunden waren. Das alles mussten wir abwarten.

In Sachen Verkehr war die illegale Abfahrt vom Branich über den Laubelt ein Thema. Braucht der Berg eine zweite, rechtmäßige Abfahrt?

Wir werden uns im Gemeinderat damit befassen müssen, denn wir brauchen eine Notabfahrt und müssen damit auf der rechtlich sicheren Seite sein.

Zu einem gesellschaftlichen Thema: Im April sollen die ersten "Stolpersteine" von Gunter Demnig in Schriesheim verlegt werden, die an letzte frei gewählte Wohnsitze von NS-Opfern erinnern sollen. Nur zwölf der 47 möglichen Gedenksteinchen sollen vor den Häusern verlegt werden, weil viele Eigentümer zumindest Zweifel haben oder "Stolpersteine" vor ihrer Tür ablehnen. Ist das Projekt an mangelnder Akzeptanz gescheitert, bevor es beginnt?

Nein. Ich bin überzeugt, dass es weitergeht, wenn die ersten "Stolpersteine" verlegt sind. Das ist ein Prozess. Und wir brauchen die öffentliche Diskussion.

Öffentlich lief in der "Stolperstein"-Diskussion dieses Jahres eher wenig.

Das Thema ist sensibel und wird seit dem Jahr 2003, knapp 60 Jahre nach dem Ende des Holocaust, in Schriesheim durch Monika Stärker-Weineck und Prof. Joachim Maier umfassend aufgearbeitet. Ich stellte damals den Antrag, Herbert Marx aus den USA nach Schriesheim einzuladen. Herr Professor Maier sagte mir damals, es gebe noch viel mehr ehemalige Mitbürger jüdischen Glaubens in Amerika. So begann alles. Die Aufarbeitung ist noch nicht abgeschlossen. Mit den "Stolpersteinen" wollen wir zeigen, dass es jüdisches Leben und auch den Widerstand gegen die Nationalsozialisten in Schriesheim gab.

Zum Gemeinderat: Siegfried Schlüter ist ausgeschieden, Hans-Jürgen Krieger hat seinen Rückzug für kommenden Januar angekündigt. Sie müssen erleichtert sein. Zwei maßgebliche Kritiker Ihrer Arbeit sind dann weg.

Die Kritik war immer konstruktiv. In der Masse werden die Beschlüsse im Gemeinderat doch einstimmig getroffen. Nichtsdestotrotz gab es sicher Trennlinien zwischen uns. Dabei war Schlüters Kritik manchmal etwas schärfer als bei Krieger, dessen Beiträge immer gezeigt haben, wie akribisch er sich vorbereitet.

Sie haben gesagt, gerade für die jungen Stadträte müsse man die Vorlagen künftig besser erklären. Wieso?

Weil ich weiß, wie es am Anfang ist. Ich habe das ja selbst als junger Stadtrat erlebt und kann mich daran noch gut erinnern. Ich kann mich in die jungen Stadträte gut hineinversetzen.

Wichtige Personalie war auch die Wahl von Anselm Löweneck zum neuen Ersten Bürgermeisterstellvertreter. Wie kommen Sie miteinander zurecht?

Persönlich kommen wir gut aus. Als Stellvertreter hatte ich bisher noch wenig mit ihm zu tun. Erst im Februar kommt die erste Urlaubsvertretung auf ihn zu.

Kommen wir zu den Ortsteilen. In Altenbach ging es voran.

Richtig. Der Schulhof wurde auch Dank der Plattner-Spende neugestaltet. Zudem wurde Altenbach in das ELR-Programm des Landes zur Förderung energetischer Sanierungen aufgenommen - gegen anfängliche Widerstände. Das alles hat sich gelohnt. Ich hoffe, dass es kommendes Jahr mit dem Platz vor der evangelischen Kirche weitergeht. Alle Achtung vor der evangelischen Kirche, schließlich soll auch die Stadtkirche in Schriesheim saniert werden.

Grund zur Freude hatten auch die Ursenbacher, die 650 Jahre Ersterwähnung feierten.

Ein schönes Fest. Das Jubiläum hat gezeigt, wie lebendig unser kleines Dorf ist.

Im Land in fast aller Munde war Schriesheim durch das "SWR 4-Regionenspiel". Es lief gegen Altensteig nicht gut. Wie bewerten Sie die Teilnahme heute?

Wer sich an einem Spiel beteiligt, muss verlieren können. Aber wir haben auch gewonnen, denn das "Regionenspiel" war eine gute Werbung für unsere Stadt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung