26.04.2012

"Zukunftsweisende Entscheidung" verpasst

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Der Gemeinderat hat die Entscheidung für einen Antrag auf Einrichtung einer Gemeinschaftsschule anstelle der Werkrealschule mit den Stimmen von Freien Wählern und CDU am Mittwoch Abend im Gemeinderat auf unbestimmte Zeit vertagt. Damit ist die Idee einer Gemeinschaftsschule in Schriesheim gescheitert - zumindest für das Schuljahr 2013/14. Den Antrag auf Vertagung hatten die Freien Wähler gestellt. Begründet wurde dieser von Fraktionsmitglied Dr. Wolfgang Metzger.

Dem Direktor des privaten Heinrich-Sigmund-Gymnasiums fehlte es an vielem, um über die Sache in der gestrigen Sitzung entscheiden zu können: am ausgereiften pädagogischen Konzept, Aussagen zur Leistungsbewertung ohne Noten, zu Bildungsplänen oder Eckpunkten der künftigen Lehrerfortbildung. Die Gemeinschaftsschule sei zum jetzigen Zeitpunkt ein utopisches Gemälde. Ohne Konzepte keine Diskussion, so Metzger.

Anselm Löweneck (CDU) teilte diese Argumentation, befürwortete die Vertagung und gab gleich zu verstehen, dass die Union den Verwaltungsantrag anderenfalls ablehnen werde.

Zuvor hatten Bürgermeister Hansjörg Höfer, Hauptamtsleiter Edwin Schmitt und die Rektorin der Grund- und Werkrealschule, Beate Hirth-Pferdekämper, für den Antrag auf Einrichtung der neuen Schulform in Schriesheim geworben.

Höfer sagte, es gehe um die Wettbewerbsfähigkeit des Schulstandorts, und zunächst nicht um pädagogische Konzepte. Er werde alles versuchen, damit auch künftig alle Schüler in Schriesheim an weiterführenden Schulen unterrichtet werden können. Zumal die Werkrealschule Probleme haben werde, die nächsten Jahre zu überstehen, so Höfer mit Blick auf die Schülerzahlen.

"Wenn wir jetzt vertagen, verpassen wir eine zukunftsweisende Entscheidung", mahnte Schmitt: "Wenn andere in der Region schneller sind, ist der Zug für Schriesheim abgefahren". Eine Vertagung ändere weder etwas an der Ausgangslage, noch an der Menge der Informationen: "Weil wir nicht mehr haben." Von der Werkrealschule könne man keine Ausarbeitung eines pädagogischen Konzeptes verlangen, wenn gar nicht klar sei, ob der Gemeinderat die Schulform überhaupt wolle. Es gelte, Entwicklungsmöglichkeiten offen zu halten.

Hirth-Pferdekämper verwies auf die guten Erfahrungen der Grundschule mit dem gemeinsamen Lernen und der individuellen Förderung. Die Begründungen für eine Gemeinschaftsschule seien nicht an den Haaren herbeigezogen. Sie sei keine Politikerin, ihr gehe es um die Kinder.

Gisela Reinhard (Grüne) sah ebenfalls keinen Grund für die Vertagung: "Es geht um ein Signal und einen Entwicklungsprozess." Der Brief von Gymnasium (KGS), Realschule (KRS) und Gesamtelternbeirat habe manche vielleicht wankelmütig gemacht (siehe weiteren Bericht). Fakt sei aber auch, dass weder KGS, noch KRS zuvor Einwände gegen das Ansinnen der Verwaltung vorgebracht hätten, den Antrag für eine Gemeinschaftsschule zu stellen - bis zu dem Brief vom 19. April. Der Weg zum Ziel des Schulabschlusses sei in einer Gemeinschaftsschule ein anderer. Insofern sei diese keine Konkurrenz zu KGS und KRS, so die pensionierte Sonderschullehrerin.

So sah es auch Rainer Dellbrügge (SPD). Metzgers Einwände seien landespolitische Aspekte, "die wir nicht zu beraten haben." Die Gemeinschaftsschule sei eine sinnvolle Ergänzung zur Stärkung des Schulstandorts und ein Angebot: "Jeder kann, keiner muss." Bei einer Vertagung könnten die Freien Wähler auch gleich sagen, dass sie die neue Schulform nicht wollen, so Dellbrügge. Es sei ja auch die Frage, ob die Gemeinschaftsschule überhaupt genehmigt würde.

Die Chancen dafür seien gering, nickte Wolfgang Renkenberger (FDP). Doch die Restchance wolle er nicht auch noch aktiv verhindern. Bis Metzger Antworten auf seine Fragen von der Landesregierung bekomme, müsse man bis zum Jahr 2015 warten. Daher werde er der Vertagung nicht zustimmen. Doch machte Renkenberger keinen Hehl daraus, dass ihn die Idee der Gemeinschaftsschule und der schulische Systemwechsel der Landesregierung nicht überzeugt. Danach gehe es auch der Realschule früher oder später "an den Kragen". Aber: "Ich will eine dritte weiterführende Schule in Schriesheim. Wir müssen das Angebot denen machen, die nicht auf das Gymnasium oder die Realschule gehen können." Eine Sitzungsunterbrechung brachte keine Veränderung im Meinungsbild.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung